Jutta Michaud

Blog

Drüber reden – und schreiben!

14. Juni 2019 | 2 Kommentare


ISBN: 978-3-95803-253-8
München: Scorpio 2019

Dominique de Marné hat eine Mission: Sie möchte  Verständnis für Menschen mit psychischen Erkrankungen fördern und sie aus der Stigmatisierung herausholen. Die Psychologin und Kommunikationswissenschaftlerin führt mittels eigener Erfahrungen mit der „Borderline-Persönlichkeitsstörung“ (offizieller Fachbegriff) durch Definitionen, wissenschaftliche Erkenntnisse, Therapieformen und Argumente für einen veränderten Umgang mit psychischen Erkrankungen.
Auch wenn wir es gerne ignorieren: die Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit verläuft fließend. Psychische Erkrankungen sind davon nicht ausgenommen. Wer kennt Borderline-Symptome wie Angst vor dem Verlassenwerden, schwankendes Selbstwertgefühl, instabile Gefühlslagen oder zu viel Alkoholkonsum nicht aus eigenem Erleben? Wie und warum sich  scheinbar „normale“ Gefühle und Verhaltensweisen zu einem Krankheitsbild verdichten, das ein Leben im wahrsten Sinne des Wortes stört, beschreibt Dominique de Marné so leicht verständlich, als säße sie mit guten Freunden beim Plausch. Es ist ein mutiges Buch, in dem die Autorin viel von sich selbst zeigt. Das passt, denn sie ist davon überzeugt, der Weg aus der Stigmatisierung könne nur über einen offenen Austausch erfolgen. Die Autorin kämpft dafür auf allen Kanälen. Als „Mental Health Advocate“ ist sie in ihrer Mission als Rednerin  in Schulen und bei  Veranstaltungen unterwegs und betreibt einen Blog.

Was ist eigentlich normal?
De Marné gibt Antworten, die klar machen, dass Stigmatisierungen ständig und überall lauern, wo etwas anders ist als im gewohnten Umfeld. Sie verdeutlicht, wie Selbstoptimierungszwang, Perfektionismus und nicht zuletzt die sozialer Medien im Umgang mit sich selbst und anderen nicht nur im Grenzgebiet zwischen Persönlichkeit und Gesellschaft eine immense Rolle spielen, sondern auch die Achse  zwischen Gesundheit und Krankheit empfindlich belasten können.

Biografische Forschungsreise
Was mir an diesem Buch besonders gefällt, ist die gelungene Verschränkung von fundiertem Fachwissen, Informationen zu Behandlungsformen und praktischen Tipps mit de Marnés detektivischer Erforschung der eigenen Biografie.
Hilfreich  für Freunde und Angehörige von Menschen mit Alkohol- oder Drogenproblemen, bei Depression und Suizidgefährdung (allesamt oft Bestandteil einer Borderline-Störung) ist der Hinweis auf Sätze, die man vermeiden sollte und solche, die für Betroffene aufbauend sind.

Wasser auf meiner schreibtherapeutischen Mühle ist die Beschreibung der Routine, mit der die Autorin  für ihr persönliches Gleichgewicht sorgt: Schreiben, Sport und Kreativsein. Diese Kombination empfehle ich in  meinen Coachings einerseits  allen, die sich durch Krisen oder Veränderungsprozesse kämpfen müssen, andererseits auch als Gesundheitsprophylaxe. Denn wie gesagt, die Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit ist fließend.

Zum Weiterlesen empfehle ich den Borderline-Ratgeber von Hedda Rühle und Sandra Maxeiner, den ich auf meinem Blog vor einiger Zeit besprochen habe. Hier lohnt sich besonders ein Blick auf Rühles These, dass einer Borderline-Störung immer ein Beziehungstrauma zugrunde liegt.