Jutta Michaud

Blog

KLEINE SÜNDEN, ANHALTENDE WIRKUNG

1. Oktober 2018 | Keine Kommentare

Großartig! Der neue Roman von Wiebke Eden: „Die Schatten eines Jahres“

Einen leichtfüßig erzählten Roman mit Tiefgang möchte ich heute allen Leseratten empfehlen. Ein leises Buch, in dem Spannung, politische Relevanz und schöne Wörter aufeinandertreffen. Ein Buch, das innehalten lässt, auch wenn man es bis zur letzten Seite nicht mehr aus der Hand legen will. Es geht um eine eigenwillige Frau, die sich gerne einmischt und dabei die Schattenseiten des „Dabeiseins“ erlebt.

Für Mathilde, Tochter aus gutem Haus mit nationaler Gesinnung, eröffnet sich mit ihrer Einstellung als eine der ersten fünf Stewardessen Deutschlands 1938 ein glanzvolles Leben. Die adretten und gebildeten jungen Damen sind Teil einer ausgeklügelten Imagekampagne für die Innovationskraft des deutschen Ingenieurwesens bei der Entwicklung des Passagierflugverkehrs.
Mathilde liebt die Flüge mit dem „Condor“, einer Maschine, mit deren Flugreichweite die Deutsche Luftfahrtgesellschafft einen vielbeachteten Meilenstein gesetzt hatte. Wenn nach den Präsentationsflügen glanzvolle Empfänge für Gäste aus Politik, Wirtschaft und Journalismus gegeben werden, sind auch die Stewardessen immer dabei. Mathilde genießt es, Teil einer wichtigen Entwicklung sein, darüber hinaus spielen die politischen Veränderungen im Lande für ihr Leben keine Rolle. Dennoch verursachen ihr kleine  Beobachtungen, wie beispielsweise  auf dem Heimweg in der Progromnacht vom 9. November ,  ein mulmiges Gefühl. Doch solche Bilder schiebt sie schnell beiseite.

Auf einem ihrer Flüge lernt sie den Funker Konrad kennen und lieben. Nach ihrer Hochzeit ist zu Mathildes Leidwesen Schluss mit der Fliegerei, denn verheiratete Frauen werden bei der Lufthansa nicht weiterbeschäftigt. So klingt es für sie nach einer spannenden Abwechslung, als Konrad ihr eröffnet, sie könnten zusammen nach Barcelona gehen, wo die Deutsche Luftfahrtgesellschaft ein Tochterunternehmen aufbauen wolle. Er solle sich dort um die Flugsicherung über Funk zu kümmern. Das hinter diesem Job weit mehr steckt, entdeckt Mathilde erst später. Sie langweilt sich als Hausfrau, möchte wieder Teil von etwas Großem sein – und lässt sich als Spionin für Hitlerdeutschland anwerben.

Wie vielen Deutschen gelingt es Mathilde nach dem Krieg, diese Periode ihres Lebens erfolgreich auszublenden. Doch nach der Teilnahme an einer Sitzblockade gegen die Stationierung der amerikanischen Mittelstreckenraketen Pershing 2, wird die herzkranke Achtundsiebzigjährige wegen Landfriedensbruchs verurteil und zu gemeinnütziger Arbeit im Park verdonnert. Das ruft die Presse auf den Plan. Nach anfänglicher Freude über die Aufmerksamkeit, die ihr zu Teil wird, drängen nach und unrühmliche Bilder aus der Vergangenheit zurück in Mathildes Bewusstsein – und mit ihnen Scham und Schuld.

Unangestrengt wechselt die Autorin zwischen den Zeitebenen, die in den Jahren 1939/1940 und 1986/1992 liegen. Wie Puzzlestücke setzt sie Momente aus Mathildes Leben zusammen. Das geschieht in knappen Sätzen, in denen ein fulminanter Wortschatz und eine feine Beobachtungsgabe das Kopfkino der Lesenden mit bunten Bildern und prickelnder Atmosphäre befeuern. Jenseits von Urteilen lernt man die junge wie die alte Mathilde kennen und entwickelt eine Vorstellung dafür, wie leicht es ist, in politisch aufgewühlten Zeiten in etwas hineinzuschlittern, das man später bitter bereut.
Mathilde ist keine überzeugte Nationalsozialistin, im Gegenteil, immer wieder schimmert Empathie für die Opfer des Systems durch. Und doch genießt sie Glanz und Gloria des Dritten Reiches, sowohl als eine der ersten Stewardessen, als auch als Dauergast der opulenten Abendgesellschaften der Deutschen Kolonie im Barcelona des Franco-Faschismus, während der die Spanier hungern und bittere Not erleiden.
Ihr Einsatz in der Friedensbewegung der 1980er und 1990er Jahre ist jedoch weit mehr als Opportunismus oder der Versuch, die alte Schuld abzuarbeiten. „Nie wieder Krieg“, die Forderung der Friedensbewegung ist ihr ein ernsthaftes Anliegen geworden. Wer erlebt hat, was der Krieg anrichtet und aus Menschen macht, hat eine Verantwortung dafür, folgende Generationen vor einer solchen Erfahrung zu schützen. Davon ist die alte Mathilde überzeugt.

Wiebke Eden verbindet Mathildes Biografie meisterhaft mit gut recherchierten Elementen der Zeitgeschichte und schafft es en passant immer wieder, Zusammenhänge aufzuzeigen, die nicht unbedingt präsent sind, wie beispielsweise die Rolle der Deutschen bei der Machtübernahme und -stabilisierung von Spaniens Diktator Franco.

Wieder leben wir in Zeiten der politischen Umbrüche, in einer Zeit, in der ein Rechtsruck in der Gesellschaft unsere Demokratie bedroht.
Wieder ist die Haltung, sich nur um das eigene Wohlergehen zu kümmern, weit verbreitet. Menschen, die Flucht und Vertreibung am eigenen Leibe erlebt haben, zeigen sich hart und ablehnend gegenüber Menschen, die heute in der Hoffnung auf Sicherheit und ein besseres Leben ins Land drängen. Selbst viele Menschen der „Enkelgeneration“ sind heute bereit, neuen Nazis Tür und Tor zu öffnen, um den eigenen Wohlstand zu sichern.

Auf diesem Hintergrund ist „Die Schatten eines Jahres“ nicht nur ein Buch, das man gerne liest und kaum aus der Hand legen kann, sondern auch ein wichtiges Buch. Ich wünsche mir, dass Wiebke Eden viele Leser erreicht und damit auch zum Nachdenken über Parallelen in der Geschichte anregt.

Erschienen ist es im Berliner BüBül-Verlag, ISBN 978-3-9468ß07-26-1

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