Jutta Michaud

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Ausflug zum „Dritten Ort“

3. Juli 2019 | Kommentare deaktiviert für Ausflug zum „Dritten Ort“

Sie informieren, sind aktive Leseförderer mit profunden Literaturkenntnissen und
Gesprächspartner*innen in angstmachenden Situationen: die Mitarbeiter*innen der 220 Patientenbibliotheken an Deutschlands Krankenhäusern.

Ende Juni trafen sich 40 Haupt- und Nebenbeschäftigte sowie einige engagierte Freiwillige zum Bundestreffen der Patientenbibliotheken in der Dornröschenstadt Hofgeismar bei Kassel. Dort ging es neben einem intensiven Erfahrungsaustausch um die Entwicklung neuer Konzepte, um die Bedeutung ihrer Arbeit im Mikrokosmos Krankenhaus sichtbarer zu machen.
Was die Mitarbeiter*innen dieser Einrichtungen schon jetzt alles leisten, ist – so ergab eine Blitzumfrage in meinem Bekanntenkreis – relativ unbekannt, denn für aufmerksamkeitsstarke Öffentlichkeitsarbeit fehlt meist die Zeit. In der Regel ist die Personaldecke eng gestrickt. Besonders in kirchlichen Krankenhäusern wird viel auf Freiwilligenarbeit zurückgegriffen.

Soziale Teilhabe – nicht nur für Gern- und Vielleser
Mit einem kostenfreien Sortiment für alle Altersklassen, Büchern in leichter Sprache und/oder mit großer Schrift, tragen die Krankenhausbibliotheken ein Stück zur sozialen Teilhabe bei, die unabhängig ist von Sozialstatus, Herkunft oder Einschränkungen. Gut ausgestattete Bibliotheken verleihen sogar vorinstallierte Lesegeräte, die Schmökern auch dann ermöglichen, wenn der Bettnachbar gern schlafen möchte. Für Nichtleser*innen gibt es Filme, Hörbücher und elektronische Spiele. Zwischen 1000 und 8000 Medieneinheiten bewegen sich die Bestände, große Kliniken verfügen über Bibliotheken mit bis zu 16.000 Medieneinheiten. Jetzt geht es den engagierten Bibliothekaren darum, die Bibliotheken als „Dritten Ort“ im Klinikkosmos zu profilieren.

Dritter Ort?
Dieser Begriff, erklärte mir Gundula Wiedemann, Kongress-Organisatorin und Leiterin der Patientenbibliothek im Charité Campus Benjamin Franklin, stamme aus den ländlichen Regionen der USA. Dort sei das Zentrum des sozialen Lebens vielfach im Dreieck von Kirche, Mall und Bibliothek angesiedelt. Und als „soziale Zentren“ verstehen sich die Patentenbibliotheken mit ihrem Anspruch,  den technischen Abläufen des Krankenhausalltags eine humane Komponente hinzuzufügen. Gerade vor anstehenden Operationen sind es oft die  Bibliothekar*innen, die ein offenes Ohr für Ängste und Sorgen haben, denn das Pflegepersonal steht, bedingt durch veränderte Organisationsstrukturen, unter ständigem Zeitdruck. Da tut es gut einen Rückzugsort aufzusuchen, in dem die Uhren langsamer ticken.

Durch die Lektüre können die Patient*innen der Krankenhausrealität für eine Weile entfliehen. Schon seit dem Mittelalter ist bekannt: Lesen beruhigt. Bücher ermöglichen Reisen in andere Welten, entfachen ein kreatives Kopfkino und  enthalten die Kraft und Magie, lebensbejahende Impulse auszulösen. Umso wichtiger sind kompetente, empathische Ansprechpartner, die das richtige Buch zur richtigen Zeit in die passenden Hände legen können.

Da geht noch was
Rund um die Entwicklung eines Positionspapiers 2.0 sammelten die Tagungsteilnehmer*innen in Hofgeismar Ideen, wie man die „Dritten Orte“ noch attraktiver machen könnte. Mehr Dialog, mehr Austausch, mehr aktive Leseförderung und Schutzräumen für Menschen am Rande der Gesellschaft, lautet die Devise. Neue Angebot sind nicht zuletzt wichtig, um die Institution Patientenbiliothek vor Einsparungen zu bewahren. Aspekte wie die kürzere Verweildauer von Patienten  auf den Stationen sowie der globale Trend, Kliniken unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu führen, bedrohen die Existenz dieser wichtigen Orte.  Daher rücken Bibliothekare auf internationaler Ebne näher zusammen und tauschen sich in Sachen Konzeption aus. Ideen gibt es viele, angefangen bei der Bandbreite des Angebots – ein Kanon  aus Freizeitlesestoff, Gesundheitsinformationen, Fachbüchern und digitalen Medien – über Dienstleistungen wie Bücherlieferungen für Patienten, die ambulant zuhause betreut werden (gibt es bereits in München) bis hin zu Gruppenangeboten für das Pflegepersonal.

Beispiel Klinikum Benjamin Franklin
Mit Autorenlesungen und demnächst mit regelmäßigen Schreibworkshops zur Burnoutprophylaxe für Mitarbeiter*innen der Psychiatrie, liegt Gundula Wiedemann mit ihrem Angebot im Klinikum Benjamin Franklin schon weit vorne.
Nach einem erfolgreichen Schnupperworkshop für Patient*innen und Krankenhauspersonal aus allen Bereichen, hatte sie Susanne Diehm und mich eingeladen, um den Tagungsteilnehmer*innen unser Konzept des Gesundheitsfördernden Kreativen Schreibens (GKS) vorzustellen. Gruppenangebote in Bibliotheken sind unaufwändig zu organisieren und eine innovative Methode, um den „Dritte Ort“ um einen lebendigen Austausch zwischen den verschiedenen Gruppen des Mikrokosmos Krankenhaus zu bereichern.

Wie das Gesundheitsfördernde Kreative Schreiben eingesetzt werden kann und wie es wirkt, konnten die Teilnehmer*innen in Hofgeismar im Selbstversuch probieren. Aufgeteilt in zwei große Gruppen erklärten wir die Prinzipien unserer Arbeit anhand von Schreibimpulsen zum Thema „Lesen und Lesebiografie“. Einmal mehr durften wir uns über großes Interesse und positive Rückmeldungen freuen. Es ist immer wieder schönes zu erleben, wieviel Freude selbst verfasste Texte den Schreibenden machen und wie überrascht sie von ihren eigenen Fähigkeiten sind.

Für alle, die tiefer ins Thema einsteigen möchten, empfahlen wir unsere Fortbildungen, die zu unterschiedlichen Zeiten in Berlin stattfinden. Kurzentschlossene können sich noch bis spätestens 15. Juli 2019 zu meinem Einsteiger-Zertifikatskurs GKS I vom 23.-25. August anmelden, der  Folgekurs, in dem es schwerpunktmäßig um Zielgruppenfindung und Selbstmarketing geht, findet
vom 20.-22. September 2019 statt.

Drüber reden – und schreiben!

14. Juni 2019 | 2 Kommentare


ISBN: 978-3-95803-253-8
München: Scorpio 2019

Dominique de Marné hat eine Mission: Sie möchte  Verständnis für Menschen mit psychischen Erkrankungen fördern und sie aus der Stigmatisierung herausholen. Die Psychologin und Kommunikationswissenschaftlerin führt mittels eigener Erfahrungen mit der „Borderline-Persönlichkeitsstörung“ (offizieller Fachbegriff) durch Definitionen, wissenschaftliche Erkenntnisse, Therapieformen und Argumente für einen veränderten Umgang mit psychischen Erkrankungen.
Auch wenn wir es gerne ignorieren: die Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit verläuft fließend. Psychische Erkrankungen sind davon nicht ausgenommen. Wer kennt Borderline-Symptome wie Angst vor dem Verlassenwerden, schwankendes Selbstwertgefühl, instabile Gefühlslagen oder zu viel Alkoholkonsum nicht aus eigenem Erleben? Wie und warum sich  scheinbar „normale“ Gefühle und Verhaltensweisen zu einem Krankheitsbild verdichten, das ein Leben im wahrsten Sinne des Wortes stört, beschreibt Dominique de Marné so leicht verständlich, als säße sie mit guten Freunden beim Plausch. Es ist ein mutiges Buch, in dem die Autorin viel von sich selbst zeigt. Das passt, denn sie ist davon überzeugt, der Weg aus der Stigmatisierung könne nur über einen offenen Austausch erfolgen. Die Autorin kämpft dafür auf allen Kanälen. Als „Mental Health Advocate“ ist sie in ihrer Mission als Rednerin  in Schulen und bei  Veranstaltungen unterwegs und betreibt einen Blog.

Was ist eigentlich normal?
De Marné gibt Antworten, die klar machen, dass Stigmatisierungen ständig und überall lauern, wo etwas anders ist als im gewohnten Umfeld. Sie verdeutlicht, wie Selbstoptimierungszwang, Perfektionismus und nicht zuletzt die sozialer Medien im Umgang mit sich selbst und anderen nicht nur im Grenzgebiet zwischen Persönlichkeit und Gesellschaft eine immense Rolle spielen, sondern auch die Achse  zwischen Gesundheit und Krankheit empfindlich belasten können.

Biografische Forschungsreise
Was mir an diesem Buch besonders gefällt, ist die gelungene Verschränkung von fundiertem Fachwissen, Informationen zu Behandlungsformen und praktischen Tipps mit de Marnés detektivischer Erforschung der eigenen Biografie.
Hilfreich  für Freunde und Angehörige von Menschen mit Alkohol- oder Drogenproblemen, bei Depression und Suizidgefährdung (allesamt oft Bestandteil einer Borderline-Störung) ist der Hinweis auf Sätze, die man vermeiden sollte und solche, die für Betroffene aufbauend sind.

Wasser auf meiner schreibtherapeutischen Mühle ist die Beschreibung der Routine, mit der die Autorin  für ihr persönliches Gleichgewicht sorgt: Schreiben, Sport und Kreativsein. Diese Kombination empfehle ich in  meinen Coachings einerseits  allen, die sich durch Krisen oder Veränderungsprozesse kämpfen müssen, andererseits auch als Gesundheitsprophylaxe. Denn wie gesagt, die Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit ist fließend.

Zum Weiterlesen empfehle ich den Borderline-Ratgeber von Hedda Rühle und Sandra Maxeiner, den ich auf meinem Blog vor einiger Zeit besprochen habe. Hier lohnt sich besonders ein Blick auf Rühles These, dass einer Borderline-Störung immer ein Beziehungstrauma zugrunde liegt.

Ein Grund zum Mitfreuen

22. Mai 2019 | Kommentare deaktiviert für Ein Grund zum Mitfreuen

Eine österreichische Zeitung hat sie entdeckt:
Nives Kramberger, Schauspielerin, Atemcoach, Chanson-Sängerin und Teilnehmerin an unseren monatlichen SUDIJUMI-Schreibworkshops in der Charité, präsentiert ihre starken Texte jetzt einem größeren Publikum! „Der Augustin“ veröffentlicht in mehreren aufeinanderfolgenden Ausgaben ihre „Chemotexte“.
Nives hatte sie ursprünglich geschrieben, um sich selbst auf dem Weg zur Genesung zu unterstützen. Jetzt hat sie die Chance, interessierten Menschen einen ebenso informierenden wie berührenden Einblick in diese existenzielle Situation zu geben.
Wer weiß, vielleicht ebnet sie sich damit sogar neue Wege zu weiteren Veröffentlichungen. Ich würde es ihr wünschen, denn auch wenn es nicht um Krebs geht, schreibt Nives spritzige wie witzige Texte, die man sehr gerne liest.

Zu ihrer ersten Veröffentlichung in einer Zeitung geht es hier:

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Impressionen vom Welteierstockkrebstag

13. Mai 2019 | 1 Kommentar

Die Stiftung Eierstockkrebs und ihr Gründer Prof. Dr. Jalid Sehouli haben dem Muttertag eine zusätzliche Bedeutung hinzugefügt: jeweils am 2. Maisonntag eines Jahres wird der 7500 Frauen gedacht, die jährlich an Eierstockkrebs erkranken um das öffentliche Bewusstsein für diese heimtückische Krebsvariante zu fördern.

Eierstockkrebs ist schwer zu diagnostizieren, eine spezielle Vorsorge gibt es nicht. Eher selten wird die Krankheit im Frühstadium erkannt und galt daher lange Zeit als Todesurteil. Inzwischen gibt es jedoch zahlreiche Langzeitüberlebende, deren lebenserhaltende Ressourcen an der Charité ausgiebig erforscht und wo möglich gefördert werden. Auch eine neue Generation von Krebsmedikamenten sorgt für einen Rückgang der Mortalitätsrate.

Mit Fachvorträgen zu den neuesten Erkenntnissen der Krebsforschung und -therapie, Initiativen und Aktionen ist der Welteierstockkrebstag inzwischen zur Institution geworden. Diesmal erwies sich der Senatssaal der Humboldt-Uni mit seinen 150 Sitzplätzen bereits als viel zu eng für die vielen Betroffenen, Angehörigen, Ärzte und Therapeuten, die den Vorträgen aus Medizin und Kreativtherapie lauschten. Die ganzheitliche Betrachtung von Menschen mit ihrem Bedürfnis nach Selbstausdruck und Kommunikation fördert die Selbstheilungskräfte und das Gefühl der Autonomie, was der Genesung nachweislich zugutekommt. Deshalb lobt die Stiftung jährlich einen Wettbewerb zu einem kreativen Motto aus.

Neben dem Buch „Bauchgefühle. Leben aus Leidenschaft“, einer Anthologie mit Texten aus dem Schreibwettbewerb, dessen Gewinner im Vorjahr geehrt wurden, stellte die Jury des diesjährigen Malwettbewerbs die Favoriten aus über 150 Einsendungen vor. Erstmals hatte es auch ein Online-Voting gegeben.

Besonderes Augenmerk verdient jedoch die Initiative „Rosi.“ Mit einer großangelegten Spendenaktion und einer Crowdfunding-Kampagne sammelt die Stiftung Eierstockkrebs derzeit Mittel, mit deren Hilfe die Therapieräume der Frauenklinik der Charité mit dem „Charme“ eines Warteraums zu echten Lebensräumen verwandelt werden sollten. Holz, warmes Licht, Bilder, Ruhe und angenehme Farben sollen die Räume in Orte verwandeln, in denen sich die Frauen während ihrer Chemotherapie wohlfühlen können. Kreativangebote wie malen und schreiben, Lesungen und Ernährungsworkshops sollen ihnen künftig die Zeit am Tropf verkürzen und zu einem Stück echter Lebenszeit werden. Beachtliche 69. 000€ sind bereits in den ersten beiden Wochen der Kampagne zusammengekommen, insgesamt werden jedoch 400.000€ benötigt, um das Gesamtpaket finanzieren zu können. Gespendet werden kann hier: Stiftung Eierstockkrebs, Bank für Sozialwirtschaft, IBAN: DE78 1002 0500 0001 2065 00, BIC: BFSWDE33BER oder per Charity SMS im Wert von 5€ unter 81190, Kennwort ESK.

Übrigens hat diese Aktion einen konkreten Bezug zum Muttertag. Ausgerechnet an diesem Tag hatte Rosi Müller, eine Patientin von Professor Sehouli, ihrer Tochter erzählt, sie habe ein Rezidiv, der Krebs sei zurück. Tina begleitete ihre Mutter bis zu deren Tod durch die verschiedenen Stadien der Therapie und lernte dabei die unwirtlichen Therapieräume kennen. Im Gespräch mit Professor Sehouli entwickelte sich die Idee, diese „Schreckensräume“ in lebendige Lebensräume umzugestalten. Manchmal reicht ein eben doch schon Gespräch oder eine Begegnung, um Dinge zum Positiven zu wenden.

Dieses Bild entstand in der kreativen Pause als Gemeinschaftsbild von Patientinnen und Therapeutinnen.

Ein Hoffnungsschimmer für Schmerzpatienten

9. Mai 2019 | Kommentare deaktiviert für Ein Hoffnungsschimmer für Schmerzpatienten

ISBN 978-3-95803-169-2
München: Scorpio 2018

Wie höllisch Schmerzen sein können, wissen alle, die sich jemals mit Zahn-, Kopf- oder Bauchschmerzen herumgequält haben. Was aber, wenn die Schmerzen chronisch sind, ziellos durch den Körper mäandern, Lebenslust und Energie absaugen, wie ein bösartiger Vampir? Wenn bei der Suche nach der Ursache die Geduld auf eine Zerreißprobe gestellt wird? Durchschnittlich sechs bis sieben Jahre dauert es, bis ein Schmerzpatient einen Arzt findet, der mehr für ihn oder sie tut, als Schmerzmittel oder eine Psychotherapie zu verschreiben. Für mich als Mutter einer Heranwachsenden mit chronischen Schmerzen und unerklärlichen Symptomen, die den Durchschnittswert der Diagnose-Suche längst überschritten haben, ist das Buch von Prof. Dr. med. Gustav Dobos zumindest ein Hoffnungsschimmer, den ich anderen Betroffenen gerne ans Herz legen möchte.

 „Sie können immer etwas an ihren Schmerzen verändern – mit großer Wahrscheinlichkeit zum Positiven“.

So lautet die Botschaft des Mediziners, der zugleich engagierter Wegbereiter der wissenschaftsbasierten Naturheilkunde ist und neben der westlichen auch die chinesische Medizin eingehend studiert hat. An der Universität Duisburg-Essen hat Prof. Dobos einen Lehrstuhl für Integrative Medizin und Naturheilkunde und leitet seit 2004 die gleichnamige Lehrklinik der Alfred Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung in Essen Mitte. Die Klinik, in der Schulmedizin, wissenschaftlich geprüfte Naturmedizin sowie Mind-Body-Medizin gleichberechtigt nebeneinanderstehen, unterhält eine eigene Forschungsabteilung sowie Kooperationen mit Fachabteilungen renommierter Kliniken.

Laut einer Studie aus dem Jahr 2006 leiden 17 Prozent der Deutschen über 18 Jahren an chronischen Schmerzen. Lediglich zwei Prozent von ihnen erhalten eine spezialisierte Schmerztherapie, weil viele Ärzte schlichtweg zu wenig über Schmerzen wissen.

Schmerzen zermürben, führen zu Persönlichkeitsveränderungen und werden oft nicht ernst genommen

 

Leider verfügt die Mehrheit der Mediziner nicht über einen Hirnscan, anhand dessen man sehen kann, dass und an welcher Stelle das Gehirn von Schmerzreizen befeuert wird. Vermutlich würde es das Arzt-Patienten-Verhältnis deutlich verbessern. „Das ist alles psychosomatisch“ heißt es irgendwann, wenn die klassischen Diagnoseverfahren keine ursächliche Erklärung erbracht haben. Zum Schmerz gesellt sich dann das bittere Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Wie Wackersteine drücken solche Zuschreibungen auf die Seele. Hobbies werden aufgegeben, Schule, Ausbildung oder Beruf können nur mit halber Kraft bewältigt werden, soziale Kontakte schrumpfen.

Mit einer Medizin, die ganzheitlich auf den Schmerz eingeht, muss das nicht sein. Das zumindest ist die zweite Botschaft von Professor Dobos. Denn, so seine Erklärung, Schmerz ist sehr viel mehr als nur eine körperliche Reaktion auf eine Verletzung oder Fehlfunktion. Vielmehr gibt es biografische, soziale, seelische und kulturelle Anteile, die dabei eine Rolle spielen und miteinander verknüpft sind.

Um dieses komplizierte Geflecht verständlich zu machen, geht der Autor zunächst eingehend auf die unterschiedlichen Schmerzarten und deren physiologische Ursachen ein. Die Lesenden erfahren, wie sich verschiedene Schmerzzustände im Gehirn manifestieren, ein „Schmerzgedächtnis“ erzeugen und das emotionale Erleben verändern.

Fakten und Ermutigungsgeschichten

Das klingt erst einmal erschreckend, doch zum Glück zeigt der Autor anhand von Fallbeispielen immer wieder, dass Heilung oder zumindest Schmerzlinderung möglich ist – selbst unter der Prämisse, dass es schwierig ist, den Schmerz objektiv zu diagnostizieren.
In erfrischend verständlicher Sprache führt er seine Leser*innen durch so vielseitige Themen wie neurophysiologische Fakten, Schmerzmittelabhängigkeit, Chinesische Medizin, der Rolle von Darmbakterien, dem Einfluss von Bewegung auf das Schmerzempfinden, Naturheilkunde und Resilienz und vieles mehr. Dazwischen lassen sich biografische Erzählmomente finden, die verdeutlichen, warum Professor Dobos sich der ganzheitlichen Medizin verschrieben hat.

Anschauliche Übersichten, Schaubilder, gehaltvolle Zusammenfassungen zu einzelnen Schlagworten ergänzen den Text. Die wichtigste Aussagen eines Kapitels sind zur schnellen Auffindbarkeit farblich markiert. Im letzten Teil des Buches sind häufige Schmerzursachen noch einmal übersichtlich mit Symptomen, Ursachen, einer Gegenüberstellung von konventionellen und naturheilkundlichen Behandlungsformen aufgeführt, die abgerundet werden durch konkrete Hinweise zur Selbsthilfe. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis, nach Themengebieten sortiert, bietet eine Fülle an Informationsquellen für alle, die mehr erfahren möchten. Nach der Lektüre hatte ich das Gefühl, eine Reihe von neuen Ansatzpunkten gefunden zu haben – mehr kann ein Buch kaum leisten.
Als Hilfe zur Wiedererlangung der Autonomie hätte die Schreibtherapie noch gut zum Thema „Selbsterkenntnis und Selbstfürsorge“ gepasst, doch leider wird GKS noch in zu wenigen Kliniken als therapeutisches Zusatzangebot eingesetzt. Doch nicht zuletzt durch die Schreibtour und die Verbreitung unserer Erfahrungen mit den Seminaren in der Charité wird sich das hoffentlich bald ändern.

Netze der Verbundenheit spannen – ein Praxisbeispiel

7. April 2019 | 1 Kommentar

Es gibt eine wunderbare Erfahrung, die ich bei meiner Arbeit immer wieder mache, ganz gleich ob es sich um Gruppen mit stigmatisierten Jugendlichen, Menschen in Krisen- oder Veränderungsprozessen, legasthenen Kindern oder chronisch Kranken handelt: Schreibimpulse können innerhalb von kürzester Zeit ein kraftvolles Verbundenheitsgefühl bewirken. Und das Gefühl Verbundenheit, das lehrt uns die Salutogenese, ist ein wesentlicher Aspekt, wenn es um heilsame Prozesse geht. Beschleunigt und verstärkt werden diese Prozesse, wenn das Impulsbüffet des Gesundheitsfördernden Kreativen Schreibens mit einer kräftigen Prise biografischer Anteile „gewürzt“ wird.

Ein Beispiel aus meiner Praxis ist das Impulsprogramm „Vokuhila, Löwenmähne und Co“, das ich für eine Gruppensession der Schreibseminare an der Charité konzipiert habe.


Haare haben für unsere Identität eine größere Bedeutung, als uns gemeinhin bewusst ist. Wir stylen oder missachten sie, lieben sie an guten Tagen, hassen sie an „bad hair days“, werden durch sie definiert. Sie spielen fast immer eine Rolle,
wenn es um  den vielzitierten „ersten Eindruck“ geht. Ob Männlein oder Weiblein ist dabei unerheblich, denn Haare rahmen unser Gesicht, verraten etwas über unser Alter und provozieren Zuschreibungen.

Beim Sammeln von Assoziationen und Idiomen zum Thema entstanden schon bei der ersten Übung erstaunlich viele Kategorien. Beschaffenheit, Frisurennamen, Pflegeprodukte, Haargefühle, Haartypisierungen, haarige Verwandte, Tierhaarallergien, Schmerz, Abscheu und Idiome vom „Haar in der Suppe“, den „Haaren auf den Zähnen“ hin bis zur „Geschichte mit dem langen Bart“ wurden in Rekordzeit zusammengestellt. Selbst die Evolutionsgeschichte der Behaarung fand ihren Platz in diesem bunten Kaleidoskop.

Kleine Gesangseinlage
Unbestrittener Höhepunkt der Materialsammlung war ein unvergesslicher Augenblick, als drei Teilnehmer*innen spontan den Schlager „Mädchen mit roten Haaren“ anstimmten und damit jubelndes Gelächter auslösten. Und prompt poppte bei Gleichaltrigen aus dem ehemaligen Westteil die Erinnerungen an „17 Jahr, blondes Haar“ und das Musical „Hair“ auf. Gemeinsame Erkenntnis: Über System- und Landesgrenzen hinweg sind Haare selbst in der Musik ein Thema – mit entsprechenden Zuschreibungen.

Gemeinsame Entdeckungsreise
Ist es möglich, in nur 20 Minuten biografische Stationen, Veränderungen und Entwicklungen entlang der jeweiligen Frisuren zu beschreiben? Ja, es geht!  Aus zarten Fäden wurde beim Vorlesen der nächsten Texte kreuz und quer durch den Raum ein starkes Netz geteilter Kindheits- und Jugenderfahrungen, Gefühle und Erkenntnisse gewebt.
Von der verordneten Zwangsfrisur in der Kindheit hin zur Identitätssuche mit verschieden Frisuren und Farben, zeitgeistigen Haarexperimenten und Widerstand gegen politische Verhältnisse, Zuschreibungen, Stereotypen oder dem bewussten Spiel mit Vorurteilen zeugten diese Texte. Kurze Haare – Lesbenhaare? Blondes Langhaar – kurzer Verstand? Haarsträubende Erlebnisse wurden geteilt: Das Trauma missglückter Friseurbesuche, Geschichten über per Frisuren zugeschriebene Nationalitäten, der Erkenntnis, als Frau mit kurzen Haaren ernster genommen zu werden und vielem mehr. Haare sind nicht nur ein Frauenthema, davon zeugte ein berührender Text über den Verlust der Haare im frühen Mannesalter. Identität schimmerte durch alle Zeilen, starke Persönlichkeiten, auch Verletzlichkeiten. Der Haarverlust nach einer Chemotherapie macht nicht nur den Kopf nackt. Sie stigmatisiert, markiert eine scheinbare Trennungslinie zwischen „gesund“ und „ernsthaft erkrankt“.

Der nächste Schreibimpuls ermutigte, genauer in diese dunkle Ecke der Haarbiografie zu schauen. Mit welchen Gefühlen war der Zwangsabschied vom Haar verbunden, mit welchen wurde der frische Wuchs auf der Kopfhaut begrüßt?

Ohne Angst vor Tränen in dunkle Ecken schauen
Ein schmerzhafter Prozess, sich dieser Erinnerung zu stellen. Von Seelen- wie vom Kopfhautschmerz zeugten alle Texte, die in diesem Abschnitt entstanden. Von wilder Entschlossenheit, der Krankheit möglichst keine Entscheidung zu überlassen. Fast alle Frauen hatten sich entschieden, den Chemofolgen zuvor zu kommen und sich die Haare in einem Rutsch abrasieren zu lassen. Unterstützt von Freunden, Partnern, oder dem „Haarcoach“. Doch trotz der schönsten Perücken, die kein ungeschultes Auge als solche je erkennen würde oder fröhlich bunter Tücher, markiert der Haarverlust einen schmerzhaften Schnitt. So versagte beim Vorlesen so manche Stimme, flossen Tränen. Doch immer wurde die Stimme nach einem tiefen Einatmen erneut erhoben, der Text zu Ende gelesen. Das Teilen der Gefühle, das tiefe Mitgefühl im Raum, das zuvor gespannte Netz der Empathie trug auch den Tränenfluss.
Oft sind Tränen ein wichtiger Schritt zum endgültigen Abschied von einem erlittenen Trauma. Wir erleben beim Gesundheitsfördernden Kreativen Schreiben immer wieder, wie dankbar Teilnehmer*innen sind, sich schreibend Raum nehmen zu können. Raum zum Trauern und Raum zur gegenseitigen Solidarität. Genau die entsteht, wenn man von Menschen umgeben ist, die genau verstehen, was einen gerade bewegt. Wie gut das tut, wird in den folgenden Teilnehmerstimmen deutlich:

Ich fühle mich bei mir, zwar traurig, aber auch sehr verbunden mit mir und den anderen Teilnehmern.“

 „Aufgewühlt. Hungrig. Traurig. Sehr berührt. Dankbar. Verbunden mit anderen.“

„Ich fühle mich jetzt befreiter, aufgeräumter.“

„Beeindruckt, voller Gedanken über das Gehörte“.

 „Ich hatte mit dem Kapitel abgeschlossen, denke nicht so gerne daran zurück. Allerdings nur nicht an den Anfang. Diesen Anfang hatte ich begonnen zu beschreiben und das Gefühl war auch nicht Trauer, sondern „das will ich nicht!“ Jetzt packe ich es wieder weg und mach was Schönes. Ukulele-Konzert. Alles gut!“

„Berührend zu teilen: Katharsis, Zeugin sein, schwer traurig, präsent, lebendig!“

„Etwas aufgewühlt, aber auch erleichtert. Nicht allein. Wie beruhigend und bereichert. Sehr kreativ!“

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Schreibend die Zeit anhalten

29. März 2019 | 3 Kommentare

Erst eine Woche liegt die Leipziger Buchmesse zurück und doch schaue ich fast ungläubig auf die letzten Tage zurück, denn inzwischen habe ich einige Tage in den USA verbracht, um mit meiner Familie den 90. Geburtstag meines Vaters zu feiern.

Unsere Lebenszeit fliegt in Lichtgeschwindigkeit dahin, so fühlt sich das zumindest in diesen Tagen für mich an. Deshalb finde ich es besonders wichtig, die schönen Momente, die sie uns bietet, zu genießen und für schlechte Zeiten festzuhalten. Als eine Ressource, aus der man immer wieder schöpfen kann, wenn das Leben wieder einmal anders läuft, als man es gerne hätte.

Für mich funktioniert das am besten mit den Methoden des Journalings, einer Form der persönlichen Schreibzeit, die ich meinen Klient*innen in Einzelcoachings und Gruppenangeboten immer wieder gern mit ans Herz lege. Mich begeistern die vielen Facetten dieses erweiterten Tagebuchschreibens immer wieder neu: wertvolle Augenblicke festhalten, Selbstcoaching beim Treffen schwieriger Entscheidungen oder in kritischen Lebenssituationen, berufliche Pläne verfolgen und vieles mehr.
Innehalten, wenn zu viele innere Bilder zu verwischen drohen. Was also blieb von der Buchmesse, wurde nicht zugedeckt durch die vielen Eindrücke, die sich bereits wieder dazwischengeschoben haben?

Da ist die Erinnerung an das besondere Gefühl, das eigene Buch am Verlagsstand zu besuchen. Der Austausch mit interessierten Menschen im Sachbuchforum. Vor allem aber die kreative Atmosphäre an einem Ort, an dem tausende von „Geisteskindern“ schreibender Menschen debütieren. In den Messehallen flirrt die Luft, knistert es aus berührten wie berührenden Buchseiten aller Genres, liegen Vorfreude auf die Lektüre wie Autorenhoffnungen auf einen Bestseller greifbar in der Luft.

Einmal tief durchatmen, aufschreiben und schon geht es weiter zu den nächsten Aktivitäten und Reisen. Am 10. April sind wir mit der Schreibtour in Essen. Berliner Blogleser*innen sind herzlich eingeladen zu unserer Kombination aus Lesung und Workshop in der Patientenbibliothek des Campus Benjamin Franklin am 11. April von 16.00 -18.00 Uhr. Diesmal wird unser Buchteam unterstützt von der Schauspielerin Nives Kramberger, die sich schreibend durch ihre Chemotherapie begleitet hat. Ihre Texte sind gleichermaßen berührend wie kraftvoll und zeigen einmal mehr, wie man sich schreibend wirksam selbst unterstützen kann.

 

 

 

Premierentage

18. März 2019 | 2 Kommentare

Von Premiere zu Premiere scheint es dieser Tage im Zusammenhang mit unserem Buch zu gehen. Nach dem schönen TV-Beitrag von Jana Kalms über Susanne und mich als Team SUDIJUMI mit dem schönen Titel „Zwei Frauen mit einer Mission“ (Premiere: ein Beitrag im rbb-Gesundheitsmagazin!), folgte am Freitag die „Auftrittspremiere“ mit dem kompletten Buchteam in der Urania.

Thematisch gerahmt einem Auszug aus Prof. Jalid Sehoulis Buch „Und von Tanger fahren die Boote nach irgendwo“, in dem er den Tod seiner Mutter schreibend verarbeitete sowie einem tiefsinnigen Abschlussgedicht des großen Magiers Charly Chaplin, hatten wir unseren erster Mini-Workshop im renommierten Bildungsinstitution Urania. Dort gab es doppelten Grund zur Freude: der Saal war gut gefüllt und unsere Gäste beteiligten sich rege beim Schreiben und Vorlesen.

Wieder einmal bewies ein beglückendes Feedback, dass man nicht erkrankt sein muss, um aus dem Reservoir des Gesundheitsfördernden Kreativen Schreibens Energie und Freude schöpfen zu können! Und wieder war es eine zauberhafte Atmosphäre, die sich beim Lesen und Hören der Texte entfaltete.

Die nächste Premiere folgt am kommenden Donnerstag. Dann präsentieren wir uns auf der Leipziger Buchmesse um 14.00 Uhr  im Forum Sachbuch, Halle 3, Stand E 201  sowie um19.00 Uhr mit der bewährten Kombination von Vortrag und Workshop im Haus Leben, in der Friesenstraße 8.

Aus persönlichen Gründen werde ich an der Abendveranstaltung nicht teilnehmen können, werde aber in Gedanken mitfiebern und wünsche meinem Buchteam ein volles Haus und viel Erfolg!

Starkes Buch einer resilienten Frau

30. Januar 2019 | 4 Kommentare

Mein Lesejahr 2019 begann mit „Becoming“ dem inspirierenden Memoir von Michelle Obama. Dieses Buch ist in seiner Fülle schier unglaublich und liest sich spannend wie ein gesellschaftskritischer Roman von Emile Zola. Eine klassische Heldenreise, die hoffentlich noch lange weitergehen wird, denn diese Protagonistin hat noch viel zu geben.

„Das Private ist politisch“
Es gibt Sprüche, die klingen wie ein alter Hut, bleiben dennoch ewig aktuell. „Das Private ist politisch“, ein typischer Spruch der 1980er Jahre, ist so einer. Vieles, was uns wie selbst verschuldet oder gar als „Versagen“ vorkommt – das ist damit gemeint – hat viel mit den gesellschaftlichen Strukturen zu tun, die unser Potenzial entweder fördern oder hemmen.

Oft fällt mir der Spruch bei der Arbeit mit den Auszubildenden ein, die ich bei ubs e.V. als Ausbildungscoach betreue. Vieles, was mir dort begegnet, ist Folge von struktureller Benachteiligung, die sich auf wichtige Erfolgsfaktoren wie Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein niederschlägt. Wer nichts von sich erwartet, versucht gar nicht erst, eine Lebensvision zu entwickeln – es sei denn, er oder sie trifft auf ermutigende Mentoren, die ungeahnte Möglichkeiten aufzeigen.

Entwicklung braucht Ermutigung
Wie positiv Ermutigung sich auswirkt, zieht sich wie ein roter Faden durch die Biografie von Michelle Obama, „Becoming“, zu Deutsch: „Werden“.

Wie die meisten Auszubildenden bei ubs stammt die ehemalige First Lady aus einfachen Verhältnissen. Beengte Wohnverhältnisse, Geldknappheit, soziale und politische Diskriminierung – all das hat sie auf unterschiedlichen Ebenen bis heute immer wieder erlebt. Selbst als Frau des amerikanischen Präsidenten musste sie sich immer wieder gegen Vorurteile und Stereotype zur Wehr setzen.

Während ein Migrationshintergrund in Deutschland oft zum Ausschlusskriterium wird, reicht in den USA bereits die Hautfarbe, um von vielen Lebenschancen ausgeschlossen zu werden. Die perfekte Beherrschung der Sprache und gute Schulnoten helfen dort nur wenig weiter. Noch schwieriger wird es, wenn man im falschen Bezirk aufwächst.

Michelle Obama wuchs mit vielen schmerzhaften Geschichten von verwehrten Bildungschancen, Berufszugängen und verweigerten Beförderungen auf. Sie erlebte, wie ihre Nachbarschaft auf der Südseite von Chicago zunehmend verarmte, weil jeder, der konnte, in die „besseren“, die weißen Vororte umzog, weil der politische Wille fehlte, in die Infrastruktur einer schwarzen Wohngegend zu investieren. Es geschah, was in solchen Fällen meist geschieht: Wer trotz Fleiß und Können keine Chance hat, seine Lebenssituation zu verbessern, verbittert. Verliert den Glauben an Gerechtigkeit und demokratische Strukturen, gibt auf, geht nicht mehr zur Wahl und vermindert damit die letzten Chancen, Einfluss auf die Politik zu nehmen.

Michelle Robinson, so ihr Mädchenname, hatte das Glück, in einer unterstützenden Familie aufzuwachsen, in der aufgeben keine Option war. Ihr Vater, schwer an MS erkrankt, engagierte sich als Wahlleiter der Demokraten persönlich dafür, Menschen zur Wahl zu bewegen. Traumatischen Erlebnissen trotzend, wurde in ihrer Familie großer Wert auf Bildung gelegt. Ihre Eltern gehörten nicht zu den Menschen, die bereit sind, Ungerechtigkeiten hinzunehmen, sondern lehrten ihre Kinder, für sich und ihre Rechte einzustehen. Sie waren zu jedem Opfer bereit, um Michelle und ihrem Bruder die Bildung zu ermöglichen, die ihnen selbst versagt geblieben war.

Liebe und Selbstvertrauen als Resilienzfaktoren – auch das ist politisch
Mit beeindruckender Offenheit beschreibt Michelle Obama Verletzungen und Stereotypisierungen, die jeder kennt, der in den Augen der Mehrheit „anders“ ist, sei es aufgrund der Hautfarbe, Religion oder sexuellen Orientierung. Doch eingebettet in eine Familie, in der auch Großeltern, Onkel, Tanten, Cousinen und Cousins eine wichtige Rolle spielten, wurden ihr vor allem zwei Dinge vermittelt: „Du wirst geliebt“ und „Du kannst viel erreichen, wenn du dir nur selbst vertraust.“ Kein Wunder, dass der Begriff „Resilienz“ in ihrem gut 400 Seiten umfassenden Memoir immer wieder auftaucht. Denn Resilienz bedeutet auch, trotz Rückschlägen immer wieder aufzustehen und sich auf keinen Fall verbiegen zu lassen.

Ihr Werdegang zeigt eindringlich, wie wichtig es ist, von klein auf Unterstützung und Förderung zu erleben. Hätte sie jemals die Prestige-Universitäten von Princeton und Havard besucht, wenn ihre Mutter in der 3. Klasse nicht gegen eine unfähige Klassenlehrerin protestiert und ihre Tochter aus der Klasse genommen hätte? Michelle Obama hat sich diese Frage oft gestellt. Ihre Antwort ist ein eindeutiges „Nein“, denn sie erinnert sich an Mitschüler*innen, die ebenfalls das Zeug zur Karriere gehabt hätten, wäre ihr Talent nicht in einer Klasse versackt, wo Frust zu Verweigerung und Chaos geführt hatte.

Auch später hat sie immer wieder erlebt, wie es sich anfühlt, aufgrund ihrer Hautfarbe unterschätzt zu werden. Sie sei „kein Princeton-Material“, befand eine Schulberaterin. Nachdem die Tränen getrocknet waren, bat sie einen anderen Berater um eine Empfehlung für die Uni und erhielt sie. Auf den Elite-Colleges Princeton und Havard fand sie sich oft als einzige Schwarze in ihren Kursen wieder, argwöhnisch beobachtet und als „Sozialprojekt“ verdächtigt. Dass sie aufgrund hervorragender Noten dort war, passte schlicht nicht ins Weltbild.

Zum Glück traf sie immer wieder auf Mentoren, die ihre Talente sahen und förderten. Diese Erfahrungen sind es, die sie bis heute in ihrem Gefühl bestärken, etwas von diesem Glück weitergeben zu müssen. Lange bevor sie zur First Lady wurde, verließ sie ihren hochdotierten Karrierejob in einer angesehenen Rechtsanwaltskanzlei, um sich dem Aufbau von „Public Allies“ zu widmen, einer Organisation, die junge Menschen aus Problembezirken für community services qualifiziert. Und das ist nur ein Beispiel von vielen.

„You may live in a world as it is, but you can still create the world as it should be“

Dieser Satz stammt von Barak Obama, drückt aber die geteilte Überzeugung des Ehepaars aus. Michelle Obama gibt freimütig zu, sich manchmal vom Optimismus ihres Mannes überfordert gefühlt zu haben. Und dennoch: Während der Zeit im Weißen Haus galt ihr Engagement neben Kindern und jungen Frauen immer wieder besonders jungen Menschen, deren Schulen schlecht ausgestattet sind und die unter psychischen Barrieren leiden, die sie von höherer Bildung fernhalten.

Mit ihrem Wissen um die Eintrittsbarrieren, Denkweisen und Hintergründe von Menschen, die am gesellschaftlichen Rand leben, startete sie viele Initiativen, die für die Betroffenen einen großen Unterschied ausmachen. Oft mit unkonventionellen Mitteln. Als erste First Lady legte sie beispielsweise gemeinsam mit Kindern aus benachbarten Schulen im Weißen Haus einen Gemüsegarten an, um gesunde Ernährung zu propagieren. Ihrem Engagement ist es zu verdanken, dass in vielen Schulkantinen gesünderes Essen ausgegeben wird, regelmäßige Bewegungseinheiten für Grundschulkinder eingeführt wurden und während Obamas Amtszeit die Fettleibigkeit von Kleinkindern durch gezielte Aufklärungsmaßnahmen erheblich gesenkt wurde.

Eine starke Botschaft
Wie weit es ein Mensch bringen kann, sei nicht allein von dessen intellektuellen Kapazitäten abhängig, sondern von gezielter Förderung und dem unerschütterlichen Glauben, „gut genug“ zu sein. Das ist Obamas Botschaft an die Leser. Auch eine starke und beständige Verbindung zu Familie und Freunden gehöre zu den Dingen, die Menschen die Kraft geben. Auch diese Erfahrung zieht sich als ständiges Motiv durch das Buch.

„Becoming“ ist eine geniale Mischung aus Autobiografie, Gesellschaftsanalyse, Einsichten in die politische Funktionsweise der USA und ihren Spielregeln. Nebenbei bedient es aber auch ganz banale Fragen wie die, wie es sich im Weißen Haus so leben lässt.

Was die Autorin in meinen Augen, abgesehen von ihrem unermüdlichen Engagement, besonders sympathisch macht, ist ihre Bescheidenheit. Nie sonnt sie sich im Ruhm Einer, die „es“ geschafft hat. Stattdessen zeigt sie sich und ihre Familie mit Alltagsthemen, die wir alle kennen. Zu Beginn von Obamas Präsidentschaftskandidatur wurde ihr die Bemerkung vorgeworfen, ihr Mann ließe seine Socken in der Wohnung liegen wie jeder andere Mann. Doch genau das ist es, was sie der Öffentlichkeit zeigen möchte: Auch Titelträger sind nur Menschen.

Wer sich für soziale Zusammenhänge interessiert und den oben zitierten Spruch anhand einer sehr persönlich erzählten Entwicklungsgeschichte nachvollziehen möchte, ist bei diesem Buch richtig.

Ach ja, noch ein Aha-Erlebnis für mich: Beide Obamas sind überzeugte Journalschreiber. Schreibzeit entwickelt!

 

Tanz der Glückshormone

17. Dezember 2018 | Kommentare deaktiviert für Tanz der Glückshormone

Über die Macht der Hormone und wie man sie schreibend bändigen kann, schreibt meine SUDIJUMI-Partnerin Susanne Diehm in ihrem aktuellen Blogbeitrag. https://schreibenbefluegelt.wordpress.com/2018/12/14/steuern-hormone-unser-leben/

Ihrer begeisterten Beschreibung kann ich nur beipflichten!

Wer die Glückshormone Dopamin und Serotonin mehrstufig zum Tanzen bringen möchte, ist eingeladen mein Kombi-Angebot „Write in (E) Motion“ auszuprobieren und zu erleben, was geschieht, wenn man Pilates und Schreiben kombiniert. Dass Pilates zur Stimmungsaufhellung beiträgt und positive Energien freisetzt, hat Josef Pilates bei seinen Klienten immer wieder erlebt. Er wäre garantiert überrascht gewesen, hätte er sie zusätzlich schreiben lassen, aber Schreiben war überhaupt nicht sein Ding. Deshalb gibt es auch nur ein schmales Büchlein, das der Meister selbst zu seinen Grundsätzen verfasst hat. Seine Sprache war die des Körpers und die verstand er virtuos!

Mein Ding ist die Kombination von Body and Soul.
Seit langem experimentiere ich mit Schreiben und Bewegung. Dabei habe ich immer erlebt, wie diese Kombination den Geist zur Ruhe bringt,  die Glückhormone tanzen lässt und  die Kreativität zum fließen bringt.
Während meiner Ausbildung zur Pilates-Trainerin ist mir klar geworden, warum es gerade mit Pilates besonders gut funktioniert: Durch diesen ganzheitlichen Ansatz, dessen Ziel es ist, Atem, Bewegung und die Stärkung der Körpermitte miteinander in Einklang zu bringen, ist es möglich, Körperspannungen ganz gezielt zu lösen. Das hat direkten Einfluss auf das „Bauchgefühl.“ Gleichzeitig entsteht durch die bewusste Weitung des Rippenbogens auch körperliche ein Raum, der den kreativen Flow begünstigt. Als Vorbereitung zum Schreiben oder ergänzend zwischen zwei oder mehreren Schreibeinheiten, führt das zu einer besonderen Erlebnisqualität.

Was ich bislang nur fühlen konnte und zum Teil rein zufällig erschlossen habe, erscheint mir mit dem entsprechenden Theorieinput nun als sonnenklar und eröffnet  für die Konzeption von Schreibimpulsen neue Möglichkeiten!
Sehr spannend finde ich die Entdeckung, die Wirkung von Pilates-Übungen steuern zu können, indem man je nach „Thema“ einen mehrstufigen Aufbau ansetzt. Auf dem körperlichen Level wirkt das analog den Prozessen des Gesundheitsfördernden Kreativen Schreibens. Ist es nicht immer wiederfaszinierend, welche Entdeckungen interdisziplinäres Arbeiten mit sich bringt? Meine Glückshormone tanzen jedenfalls wild angesichts der Möglichkeit, solche Erkenntnisse miteinander zu verbinden!

Übrigens: Wer noch auf der Suche nach einem originellem Weihnachtsgeschenk ist, empfehle ich meinen Schnupper-Workshop am 19. Januar, bei dem die Kombi-Wirkung von Pilates und Schreiben ausprobiert werden kann.

Allen Lesern meines Blogswünsche ich eine beglückende Weihnachtszeit und einen guten Start in ein gesundes und erlebnisreiches Jahr 2019!