Jutta Michaud

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Netze der Verbundenheit spannen – ein Praxisbeispiel

7. April 2019 | 1 Kommentar

Es gibt eine wunderbare Erfahrung, die ich bei meiner Arbeit immer wieder mache, ganz gleich ob es sich um Gruppen mit stigmatisierten Jugendlichen, Menschen in Krisen- oder Veränderungsprozessen, legasthenen Kindern oder chronisch Kranken handelt: Schreibimpulse können innerhalb von kürzester Zeit ein kraftvolles Verbundenheitsgefühl bewirken. Und das Gefühl Verbundenheit, das lehrt uns die Salutogenese, ist ein wesentlicher Aspekt, wenn es um heilsame Prozesse geht. Beschleunigt und verstärkt werden diese Prozesse, wenn das Impulsbüffet des Gesundheitsfördernden Kreativen Schreibens mit einer kräftigen Prise biografischer Anteile „gewürzt“ wird.

Ein Beispiel aus meiner Praxis ist das Impulsprogramm „Vokuhila, Löwenmähne und Co“, das ich für eine Gruppensession der Schreibseminare an der Charité konzipiert habe.


Haare haben für unsere Identität eine größere Bedeutung, als uns gemeinhin bewusst ist. Wir stylen oder missachten sie, lieben sie an guten Tagen, hassen sie an „bad hair days“, werden durch sie definiert. Sie spielen fast immer eine Rolle,
wenn es um  den vielzitierten „ersten Eindruck“ geht. Ob Männlein oder Weiblein ist dabei unerheblich, denn Haare rahmen unser Gesicht, verraten etwas über unser Alter und provozieren Zuschreibungen.

Beim Sammeln von Assoziationen und Idiomen zum Thema entstanden schon bei der ersten Übung erstaunlich viele Kategorien. Beschaffenheit, Frisurennamen, Pflegeprodukte, Haargefühle, Haartypisierungen, haarige Verwandte, Tierhaarallergien, Schmerz, Abscheu und Idiome vom „Haar in der Suppe“, den „Haaren auf den Zähnen“ hin bis zur „Geschichte mit dem langen Bart“ wurden in Rekordzeit zusammengestellt. Selbst die Evolutionsgeschichte der Behaarung fand ihren Platz in diesem bunten Kaleidoskop.

Kleine Gesangseinlage
Unbestrittener Höhepunkt der Materialsammlung war ein unvergesslicher Augenblick, als drei Teilnehmer*innen spontan den Schlager „Mädchen mit roten Haaren“ anstimmten und damit jubelndes Gelächter auslösten. Und prompt poppte bei Gleichaltrigen aus dem ehemaligen Westteil die Erinnerungen an „17 Jahr, blondes Haar“ und das Musical „Hair“ auf. Gemeinsame Erkenntnis: Über System- und Landesgrenzen hinweg sind Haare selbst in der Musik ein Thema – mit entsprechenden Zuschreibungen.

Gemeinsame Entdeckungsreise
Ist es möglich, in nur 20 Minuten biografische Stationen, Veränderungen und Entwicklungen entlang der jeweiligen Frisuren zu beschreiben? Ja, es geht!  Aus zarten Fäden wurde beim Vorlesen der nächsten Texte kreuz und quer durch den Raum ein starkes Netz geteilter Kindheits- und Jugenderfahrungen, Gefühle und Erkenntnisse gewebt.
Von der verordneten Zwangsfrisur in der Kindheit hin zur Identitätssuche mit verschieden Frisuren und Farben, zeitgeistigen Haarexperimenten und Widerstand gegen politische Verhältnisse, Zuschreibungen, Stereotypen oder dem bewussten Spiel mit Vorurteilen zeugten diese Texte. Kurze Haare – Lesbenhaare? Blondes Langhaar – kurzer Verstand? Haarsträubende Erlebnisse wurden geteilt: Das Trauma missglückter Friseurbesuche, Geschichten über per Frisuren zugeschriebene Nationalitäten, der Erkenntnis, als Frau mit kurzen Haaren ernster genommen zu werden und vielem mehr. Haare sind nicht nur ein Frauenthema, davon zeugte ein berührender Text über den Verlust der Haare im frühen Mannesalter. Identität schimmerte durch alle Zeilen, starke Persönlichkeiten, auch Verletzlichkeiten. Der Haarverlust nach einer Chemotherapie macht nicht nur den Kopf nackt. Sie stigmatisiert, markiert eine scheinbare Trennungslinie zwischen „gesund“ und „ernsthaft erkrankt“.

Der nächste Schreibimpuls ermutigte, genauer in diese dunkle Ecke der Haarbiografie zu schauen. Mit welchen Gefühlen war der Zwangsabschied vom Haar verbunden, mit welchen wurde der frische Wuchs auf der Kopfhaut begrüßt?

Ohne Angst vor Tränen in dunkle Ecken schauen
Ein schmerzhafter Prozess, sich dieser Erinnerung zu stellen. Von Seelen- wie vom Kopfhautschmerz zeugten alle Texte, die in diesem Abschnitt entstanden. Von wilder Entschlossenheit, der Krankheit möglichst keine Entscheidung zu überlassen. Fast alle Frauen hatten sich entschieden, den Chemofolgen zuvor zu kommen und sich die Haare in einem Rutsch abrasieren zu lassen. Unterstützt von Freunden, Partnern, oder dem „Haarcoach“. Doch trotz der schönsten Perücken, die kein ungeschultes Auge als solche je erkennen würde oder fröhlich bunter Tücher, markiert der Haarverlust einen schmerzhaften Schnitt. So versagte beim Vorlesen so manche Stimme, flossen Tränen. Doch immer wurde die Stimme nach einem tiefen Einatmen erneut erhoben, der Text zu Ende gelesen. Das Teilen der Gefühle, das tiefe Mitgefühl im Raum, das zuvor gespannte Netz der Empathie trug auch den Tränenfluss.
Oft sind Tränen ein wichtiger Schritt zum endgültigen Abschied von einem erlittenen Trauma. Wir erleben beim Gesundheitsfördernden Kreativen Schreiben immer wieder, wie dankbar Teilnehmer*innen sind, sich schreibend Raum nehmen zu können. Raum zum Trauern und Raum zur gegenseitigen Solidarität. Genau die entsteht, wenn man von Menschen umgeben ist, die genau verstehen, was einen gerade bewegt. Wie gut das tut, wird in den folgenden Teilnehmerstimmen deutlich:

Ich fühle mich bei mir, zwar traurig, aber auch sehr verbunden mit mir und den anderen Teilnehmern.“

 „Aufgewühlt. Hungrig. Traurig. Sehr berührt. Dankbar. Verbunden mit anderen.“

„Ich fühle mich jetzt befreiter, aufgeräumter.“

„Beeindruckt, voller Gedanken über das Gehörte“.

 „Ich hatte mit dem Kapitel abgeschlossen, denke nicht so gerne daran zurück. Allerdings nur nicht an den Anfang. Diesen Anfang hatte ich begonnen zu beschreiben und das Gefühl war auch nicht Trauer, sondern „das will ich nicht!“ Jetzt packe ich es wieder weg und mach was Schönes. Ukulele-Konzert. Alles gut!“

„Berührend zu teilen: Katharsis, Zeugin sein, schwer traurig, präsent, lebendig!“

„Etwas aufgewühlt, aber auch erleichtert. Nicht allein. Wie beruhigend und bereichert. Sehr kreativ!“

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Schreibend die Zeit anhalten

29. März 2019 | 3 Kommentare

Erst eine Woche liegt die Leipziger Buchmesse zurück und doch schaue ich fast ungläubig auf die letzten Tage zurück, denn inzwischen habe ich einige Tage in den USA verbracht, um mit meiner Familie den 90. Geburtstag meines Vaters zu feiern.

Unsere Lebenszeit fliegt in Lichtgeschwindigkeit dahin, so fühlt sich das zumindest in diesen Tagen für mich an. Deshalb finde ich es besonders wichtig, die schönen Momente, die sie uns bietet, zu genießen und für schlechte Zeiten festzuhalten. Als eine Ressource, aus der man immer wieder schöpfen kann, wenn das Leben wieder einmal anders läuft, als man es gerne hätte.

Für mich funktioniert das am besten mit den Methoden des Journalings, einer Form der persönlichen Schreibzeit, die ich meinen Klient*innen in Einzelcoachings und Gruppenangeboten immer wieder gern mit ans Herz lege. Mich begeistern die vielen Facetten dieses erweiterten Tagebuchschreibens immer wieder neu: wertvolle Augenblicke festhalten, Selbstcoaching beim Treffen schwieriger Entscheidungen oder in kritischen Lebenssituationen, berufliche Pläne verfolgen und vieles mehr.
Innehalten, wenn zu viele innere Bilder zu verwischen drohen. Was also blieb von der Buchmesse, wurde nicht zugedeckt durch die vielen Eindrücke, die sich bereits wieder dazwischengeschoben haben?

Da ist die Erinnerung an das besondere Gefühl, das eigene Buch am Verlagsstand zu besuchen. Der Austausch mit interessierten Menschen im Sachbuchforum. Vor allem aber die kreative Atmosphäre an einem Ort, an dem tausende von „Geisteskindern“ schreibender Menschen debütieren. In den Messehallen flirrt die Luft, knistert es aus berührten wie berührenden Buchseiten aller Genres, liegen Vorfreude auf die Lektüre wie Autorenhoffnungen auf einen Bestseller greifbar in der Luft.

Einmal tief durchatmen, aufschreiben und schon geht es weiter zu den nächsten Aktivitäten und Reisen. Am 10. April sind wir mit der Schreibtour in Essen. Berliner Blogleser*innen sind herzlich eingeladen zu unserer Kombination aus Lesung und Workshop in der Patientenbibliothek des Campus Benjamin Franklin am 11. April von 16.00 -18.00 Uhr. Diesmal wird unser Buchteam unterstützt von der Schauspielerin Nives Kramberger, die sich schreibend durch ihre Chemotherapie begleitet hat. Ihre Texte sind gleichermaßen berührend wie kraftvoll und zeigen einmal mehr, wie man sich schreibend wirksam selbst unterstützen kann.

 

 

 

Premierentage

18. März 2019 | 2 Kommentare

Von Premiere zu Premiere scheint es dieser Tage im Zusammenhang mit unserem Buch zu gehen. Nach dem schönen TV-Beitrag von Jana Kalms über Susanne und mich als Team SUDIJUMI mit dem schönen Titel „Zwei Frauen mit einer Mission“ (Premiere: ein Beitrag im rbb-Gesundheitsmagazin!), folgte am Freitag die „Auftrittspremiere“ mit dem kompletten Buchteam in der Urania.

Thematisch gerahmt einem Auszug aus Prof. Jalid Sehoulis Buch „Und von Tanger fahren die Boote nach irgendwo“, in dem er den Tod seiner Mutter schreibend verarbeitete sowie einem tiefsinnigen Abschlussgedicht des großen Magiers Charly Chaplin, hatten wir unseren erster Mini-Workshop im renommierten Bildungsinstitution Urania. Dort gab es doppelten Grund zur Freude: der Saal war gut gefüllt und unsere Gäste beteiligten sich rege beim Schreiben und Vorlesen.

Wieder einmal bewies ein beglückendes Feedback, dass man nicht erkrankt sein muss, um aus dem Reservoir des Gesundheitsfördernden Kreativen Schreibens Energie und Freude schöpfen zu können! Und wieder war es eine zauberhafte Atmosphäre, die sich beim Lesen und Hören der Texte entfaltete.

Die nächste Premiere folgt am kommenden Donnerstag. Dann präsentieren wir uns auf der Leipziger Buchmesse um 14.00 Uhr  im Forum Sachbuch, Halle 3, Stand E 201  sowie um19.00 Uhr mit der bewährten Kombination von Vortrag und Workshop im Haus Leben, in der Friesenstraße 8.

Aus persönlichen Gründen werde ich an der Abendveranstaltung nicht teilnehmen können, werde aber in Gedanken mitfiebern und wünsche meinem Buchteam ein volles Haus und viel Erfolg!

Starkes Buch einer resilienten Frau

30. Januar 2019 | 4 Kommentare

Mein Lesejahr 2019 begann mit „Becoming“ dem inspirierenden Memoir von Michelle Obama. Dieses Buch ist in seiner Fülle schier unglaublich und liest sich spannend wie ein gesellschaftskritischer Roman von Emile Zola. Eine klassische Heldenreise, die hoffentlich noch lange weitergehen wird, denn diese Protagonistin hat noch viel zu geben.

„Das Private ist politisch“
Es gibt Sprüche, die klingen wie ein alter Hut, bleiben dennoch ewig aktuell. „Das Private ist politisch“, ein typischer Spruch der 1980er Jahre, ist so einer. Vieles, was uns wie selbst verschuldet oder gar als „Versagen“ vorkommt – das ist damit gemeint – hat viel mit den gesellschaftlichen Strukturen zu tun, die unser Potenzial entweder fördern oder hemmen.

Oft fällt mir der Spruch bei der Arbeit mit den Auszubildenden ein, die ich bei ubs e.V. als Ausbildungscoach betreue. Vieles, was mir dort begegnet, ist Folge von struktureller Benachteiligung, die sich auf wichtige Erfolgsfaktoren wie Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein niederschlägt. Wer nichts von sich erwartet, versucht gar nicht erst, eine Lebensvision zu entwickeln – es sei denn, er oder sie trifft auf ermutigende Mentoren, die ungeahnte Möglichkeiten aufzeigen.

Entwicklung braucht Ermutigung
Wie positiv Ermutigung sich auswirkt, zieht sich wie ein roter Faden durch die Biografie von Michelle Obama, „Becoming“, zu Deutsch: „Werden“.

Wie die meisten Auszubildenden bei ubs stammt die ehemalige First Lady aus einfachen Verhältnissen. Beengte Wohnverhältnisse, Geldknappheit, soziale und politische Diskriminierung – all das hat sie auf unterschiedlichen Ebenen bis heute immer wieder erlebt. Selbst als Frau des amerikanischen Präsidenten musste sie sich immer wieder gegen Vorurteile und Stereotype zur Wehr setzen.

Während ein Migrationshintergrund in Deutschland oft zum Ausschlusskriterium wird, reicht in den USA bereits die Hautfarbe, um von vielen Lebenschancen ausgeschlossen zu werden. Die perfekte Beherrschung der Sprache und gute Schulnoten helfen dort nur wenig weiter. Noch schwieriger wird es, wenn man im falschen Bezirk aufwächst.

Michelle Obama wuchs mit vielen schmerzhaften Geschichten von verwehrten Bildungschancen, Berufszugängen und verweigerten Beförderungen auf. Sie erlebte, wie ihre Nachbarschaft auf der Südseite von Chicago zunehmend verarmte, weil jeder, der konnte, in die „besseren“, die weißen Vororte umzog, weil der politische Wille fehlte, in die Infrastruktur einer schwarzen Wohngegend zu investieren. Es geschah, was in solchen Fällen meist geschieht: Wer trotz Fleiß und Können keine Chance hat, seine Lebenssituation zu verbessern, verbittert. Verliert den Glauben an Gerechtigkeit und demokratische Strukturen, gibt auf, geht nicht mehr zur Wahl und vermindert damit die letzten Chancen, Einfluss auf die Politik zu nehmen.

Michelle Robinson, so ihr Mädchenname, hatte das Glück, in einer unterstützenden Familie aufzuwachsen, in der aufgeben keine Option war. Ihr Vater, schwer an MS erkrankt, engagierte sich als Wahlleiter der Demokraten persönlich dafür, Menschen zur Wahl zu bewegen. Traumatischen Erlebnissen trotzend, wurde in ihrer Familie großer Wert auf Bildung gelegt. Ihre Eltern gehörten nicht zu den Menschen, die bereit sind, Ungerechtigkeiten hinzunehmen, sondern lehrten ihre Kinder, für sich und ihre Rechte einzustehen. Sie waren zu jedem Opfer bereit, um Michelle und ihrem Bruder die Bildung zu ermöglichen, die ihnen selbst versagt geblieben war.

Liebe und Selbstvertrauen als Resilienzfaktoren – auch das ist politisch
Mit beeindruckender Offenheit beschreibt Michelle Obama Verletzungen und Stereotypisierungen, die jeder kennt, der in den Augen der Mehrheit „anders“ ist, sei es aufgrund der Hautfarbe, Religion oder sexuellen Orientierung. Doch eingebettet in eine Familie, in der auch Großeltern, Onkel, Tanten, Cousinen und Cousins eine wichtige Rolle spielten, wurden ihr vor allem zwei Dinge vermittelt: „Du wirst geliebt“ und „Du kannst viel erreichen, wenn du dir nur selbst vertraust.“ Kein Wunder, dass der Begriff „Resilienz“ in ihrem gut 400 Seiten umfassenden Memoir immer wieder auftaucht. Denn Resilienz bedeutet auch, trotz Rückschlägen immer wieder aufzustehen und sich auf keinen Fall verbiegen zu lassen.

Ihr Werdegang zeigt eindringlich, wie wichtig es ist, von klein auf Unterstützung und Förderung zu erleben. Hätte sie jemals die Prestige-Universitäten von Princeton und Havard besucht, wenn ihre Mutter in der 3. Klasse nicht gegen eine unfähige Klassenlehrerin protestiert und ihre Tochter aus der Klasse genommen hätte? Michelle Obama hat sich diese Frage oft gestellt. Ihre Antwort ist ein eindeutiges „Nein“, denn sie erinnert sich an Mitschüler*innen, die ebenfalls das Zeug zur Karriere gehabt hätten, wäre ihr Talent nicht in einer Klasse versackt, wo Frust zu Verweigerung und Chaos geführt hatte.

Auch später hat sie immer wieder erlebt, wie es sich anfühlt, aufgrund ihrer Hautfarbe unterschätzt zu werden. Sie sei „kein Princeton-Material“, befand eine Schulberaterin. Nachdem die Tränen getrocknet waren, bat sie einen anderen Berater um eine Empfehlung für die Uni und erhielt sie. Auf den Elite-Colleges Princeton und Havard fand sie sich oft als einzige Schwarze in ihren Kursen wieder, argwöhnisch beobachtet und als „Sozialprojekt“ verdächtigt. Dass sie aufgrund hervorragender Noten dort war, passte schlicht nicht ins Weltbild.

Zum Glück traf sie immer wieder auf Mentoren, die ihre Talente sahen und förderten. Diese Erfahrungen sind es, die sie bis heute in ihrem Gefühl bestärken, etwas von diesem Glück weitergeben zu müssen. Lange bevor sie zur First Lady wurde, verließ sie ihren hochdotierten Karrierejob in einer angesehenen Rechtsanwaltskanzlei, um sich dem Aufbau von „Public Allies“ zu widmen, einer Organisation, die junge Menschen aus Problembezirken für community services qualifiziert. Und das ist nur ein Beispiel von vielen.

„You may live in a world as it is, but you can still create the world as it should be“

Dieser Satz stammt von Barak Obama, drückt aber die geteilte Überzeugung des Ehepaars aus. Michelle Obama gibt freimütig zu, sich manchmal vom Optimismus ihres Mannes überfordert gefühlt zu haben. Und dennoch: Während der Zeit im Weißen Haus galt ihr Engagement neben Kindern und jungen Frauen immer wieder besonders jungen Menschen, deren Schulen schlecht ausgestattet sind und die unter psychischen Barrieren leiden, die sie von höherer Bildung fernhalten.

Mit ihrem Wissen um die Eintrittsbarrieren, Denkweisen und Hintergründe von Menschen, die am gesellschaftlichen Rand leben, startete sie viele Initiativen, die für die Betroffenen einen großen Unterschied ausmachen. Oft mit unkonventionellen Mitteln. Als erste First Lady legte sie beispielsweise gemeinsam mit Kindern aus benachbarten Schulen im Weißen Haus einen Gemüsegarten an, um gesunde Ernährung zu propagieren. Ihrem Engagement ist es zu verdanken, dass in vielen Schulkantinen gesünderes Essen ausgegeben wird, regelmäßige Bewegungseinheiten für Grundschulkinder eingeführt wurden und während Obamas Amtszeit die Fettleibigkeit von Kleinkindern durch gezielte Aufklärungsmaßnahmen erheblich gesenkt wurde.

Eine starke Botschaft
Wie weit es ein Mensch bringen kann, sei nicht allein von dessen intellektuellen Kapazitäten abhängig, sondern von gezielter Förderung und dem unerschütterlichen Glauben, „gut genug“ zu sein. Das ist Obamas Botschaft an die Leser. Auch eine starke und beständige Verbindung zu Familie und Freunden gehöre zu den Dingen, die Menschen die Kraft geben. Auch diese Erfahrung zieht sich als ständiges Motiv durch das Buch.

„Becoming“ ist eine geniale Mischung aus Autobiografie, Gesellschaftsanalyse, Einsichten in die politische Funktionsweise der USA und ihren Spielregeln. Nebenbei bedient es aber auch ganz banale Fragen wie die, wie es sich im Weißen Haus so leben lässt.

Was die Autorin in meinen Augen, abgesehen von ihrem unermüdlichen Engagement, besonders sympathisch macht, ist ihre Bescheidenheit. Nie sonnt sie sich im Ruhm Einer, die „es“ geschafft hat. Stattdessen zeigt sie sich und ihre Familie mit Alltagsthemen, die wir alle kennen. Zu Beginn von Obamas Präsidentschaftskandidatur wurde ihr die Bemerkung vorgeworfen, ihr Mann ließe seine Socken in der Wohnung liegen wie jeder andere Mann. Doch genau das ist es, was sie der Öffentlichkeit zeigen möchte: Auch Titelträger sind nur Menschen.

Wer sich für soziale Zusammenhänge interessiert und den oben zitierten Spruch anhand einer sehr persönlich erzählten Entwicklungsgeschichte nachvollziehen möchte, ist bei diesem Buch richtig.

Ach ja, noch ein Aha-Erlebnis für mich: Beide Obamas sind überzeugte Journalschreiber. Schreibzeit entwickelt!

 

Tanz der Glückshormone

17. Dezember 2018 | Kommentare deaktiviert für Tanz der Glückshormone

Über die Macht der Hormone und wie man sie schreibend bändigen kann, schreibt meine SUDIJUMI-Partnerin Susanne Diehm in ihrem aktuellen Blogbeitrag. https://schreibenbefluegelt.wordpress.com/2018/12/14/steuern-hormone-unser-leben/

Ihrer begeisterten Beschreibung kann ich nur beipflichten!

Wer die Glückshormone Dopamin und Serotonin mehrstufig zum Tanzen bringen möchte, ist eingeladen mein Kombi-Angebot „Write in (E) Motion“ auszuprobieren und zu erleben, was geschieht, wenn man Pilates und Schreiben kombiniert. Dass Pilates zur Stimmungsaufhellung beiträgt und positive Energien freisetzt, hat Josef Pilates bei seinen Klienten immer wieder erlebt. Er wäre garantiert überrascht gewesen, hätte er sie zusätzlich schreiben lassen, aber Schreiben war überhaupt nicht sein Ding. Deshalb gibt es auch nur ein schmales Büchlein, das der Meister selbst zu seinen Grundsätzen verfasst hat. Seine Sprache war die des Körpers und die verstand er virtuos!

Mein Ding ist die Kombination von Body and Soul.
Seit langem experimentiere ich mit Schreiben und Bewegung. Dabei habe ich immer erlebt, wie diese Kombination den Geist zur Ruhe bringt,  die Glückhormone tanzen lässt und  die Kreativität zum fließen bringt.
Während meiner Ausbildung zur Pilates-Trainerin ist mir klar geworden, warum es gerade mit Pilates besonders gut funktioniert: Durch diesen ganzheitlichen Ansatz, dessen Ziel es ist, Atem, Bewegung und die Stärkung der Körpermitte miteinander in Einklang zu bringen, ist es möglich, Körperspannungen ganz gezielt zu lösen. Das hat direkten Einfluss auf das „Bauchgefühl.“ Gleichzeitig entsteht durch die bewusste Weitung des Rippenbogens auch körperliche ein Raum, der den kreativen Flow begünstigt. Als Vorbereitung zum Schreiben oder ergänzend zwischen zwei oder mehreren Schreibeinheiten, führt das zu einer besonderen Erlebnisqualität.

Was ich bislang nur fühlen konnte und zum Teil rein zufällig erschlossen habe, erscheint mir mit dem entsprechenden Theorieinput nun als sonnenklar und eröffnet  für die Konzeption von Schreibimpulsen neue Möglichkeiten!
Sehr spannend finde ich die Entdeckung, die Wirkung von Pilates-Übungen steuern zu können, indem man je nach „Thema“ einen mehrstufigen Aufbau ansetzt. Auf dem körperlichen Level wirkt das analog den Prozessen des Gesundheitsfördernden Kreativen Schreibens. Ist es nicht immer wiederfaszinierend, welche Entdeckungen interdisziplinäres Arbeiten mit sich bringt? Meine Glückshormone tanzen jedenfalls wild angesichts der Möglichkeit, solche Erkenntnisse miteinander zu verbinden!

Übrigens: Wer noch auf der Suche nach einem originellem Weihnachtsgeschenk ist, empfehle ich meinen Schnupper-Workshop am 19. Januar, bei dem die Kombi-Wirkung von Pilates und Schreiben ausprobiert werden kann.

Allen Lesern meines Blogswünsche ich eine beglückende Weihnachtszeit und einen guten Start in ein gesundes und erlebnisreiches Jahr 2019!

Pilates: Bierbrauer, Boxer, Heiler und Erfinder – Das Leben einer Fitnesslegende

20. November 2018 | 1 Kommentar

Über Joseph Pilates kursieren viele Mythen. Seine Familie sei einst aus Griechenland ins Ruhrgebiet eingewandert, heißt es beispielsweise. Er habe in England als Krankenpfleger in einem Kriegslazarett gearbeitet und den Boxer Max Schmeling entdeckt. Er sei Tänzer gewesen und habe sich nach einer Bühnenverletzung mit seinen Übungen selbst geheilt.

Tatsächlich lässt sich sein Familienstammbaum über Jahrhunderte hinweg im rheinischen Mönchengladbach nachverfolgen. Von Griechen im Stammbaum keine Spur. In England war er während des 1. Weltkrieges fünf Jahre lang als unerwünschter Ausländer interniert. Sein Lagerleben strukturierte er vornehmlich durch Boxen und Muskeltraining. Von Max Schmeling hörte er erst, als dieser sich schon einen Namen gemacht hatte. Tänzer war er nie. Doch sein Erfolg basierte darauf, dass er Übungen und Trainingsgeräte entwickelte, mit denen er in den USA zahlreiche Karrieren verletzter Tänzerinnen und Bühnenstars rettete.Eine Ausbildung zum Sportlehrer oder Physiotherapeuten hatte er nie. Joseph Pilates war ein begnadeter Autodidakt mit einer filmreifen Lebensgeschichte.  Weiterlesen →

Spuren hinterlassen

29. Oktober 2018 | Kommentare deaktiviert für Spuren hinterlassen

Nicht einfach „weg sein“ nach dem Tod, das wünschen sich wohl die meisten Menschen.  Wer schon zu Lebzeiten im Licht der Öffentlichkeit steht, findet  immer  einen Chronisten, der auf diese Weise für „Unsterblichkeit“ sorgt. Die kleinen und großen Helden des Alltags gehen in der Regel ohne großes Blitzlichtgewitter.

Aber brauchen wir  überhaupt Blitzlichtgewitter und Chronisten?
Ist es nicht viel wichtiger, in den Herzen jener lebendig zu bleiben, die uns kannten und liebten? Und zwar so, wie es zu uns und allem, was uns ausmacht, passt?
Schreiben ist eine wunderbare Möglichkeit, unseren Liebsten ein Stück gelebtes Leben zu hinterlassen. Glücksmomente, Erinnerungen, Dankesworte, Wünsche für die Zukunft der Bleibenden, vielleicht sogar ein paar Dinge, die sie zu Lebzeiten nicht über uns wussten. Überraschungen, die uns beim Niederschreiben schmunzeln lassen, weil wir uns Gesichtsausdrücke und Reaktionen vorstelllen. Schreibend können wir bewusst Spuren setzen. Selbstbestimmt und bis zum letzten Augenblick.

Regina, die Autorin des Gastbeitrags auf Onkobitch, möchte für ihre Familie und ihre Freunde Spuren hinterlassen. Einen Textbeitrag, den sie vielleicht zufällig entdecken und sich darüber freuen. Ich regblogge ihren Beitrag, weil mich ihr Mut, die Fürsorge für ihre Liebsten und auch  ihre Verwirrung, zu der sie offen steht, sehr berührt. Ich wünsche Regina viel Kraft und inneren Frieden für die Zeit, die vor ihr liegt. Und ich möchte sie und Andere ermutigen: Schreibt Leute, schreibt!

https://onkobitch.wordpress.com/2018/10/26/spuren-hinterlassen-reginas-gastbeitrag/

 

Raus aus der Stigmatisierung!

7. Oktober 2018 | Kommentare deaktiviert für Raus aus der Stigmatisierung!

Mit „Dr. Psych´s Ratgeber Borderline“ machen sich Sandra Maxeiner und Hedda Rühle für psychisch Kranke stark

Nirgendwo zugehörig, wertlos und im Extremfall ohne Existenzberichtigung fühlen sich Menschen, die es nicht schaffen „einfach gut drauf“ zu sein und den gängigen Erwartungen zu entsprechen. Ihre Umwelt reagiert ablehnend und verständnislos auf heftige Gefühlsausbrüche, scheinbar unerklärliche Traurigkeit, Sprunghaftigkeit, übergriffiges oder aggressives Verhalten, das sich gegen die eigene Person oder nahestehende Menschen richtet. Menschen, die an einer Borderline-Erkrankung leiden, kämpfen in der Regel mit mehreren Symptomen und Folgen traumatischer Erlebnisse gleichzeitig.

Mit ihren Büchern möchten die Autorinnen Sandra Maxeiner und Hedda Rühle dazu beitragen, psychische Erkrankungen aus der Stigmatisierung heraus zu holen und ein breiteres Verständnis für deren Hintergründe zu vermitteln. Das Besondere: Es wird nicht über die Köpfe der Patient*innen und deren Symptome hinweggeschrieben. Basierend auf ausführlichen Interviews geben die Autorinnen den Menschen eine Stimme, und damit ein wichtiges Stück Menschenwürde und Bedeutsamkeit. Denn eine Grunderfahrung aller Betroffenen ist es, aufgrund ihrer Erkrankung immer wieder abgewertet zu werden.

So erfahren die Lesenden zunächst, wie sich die Krankheit anfühlt, welche Herausforderungen sie im Alltag mit sich bringt und können eine Vorstellung davon entwickeln, warum sich Borderliner besonders anstrengen müssen, um die Krankheit zu beherrschen, bzw. ihr Leben aktiv in die Hand zu nehmen.

Wissenschaftlich fundiert und basierend auf langjähriger Erfahrung vermittelt die Psychologin und erfahrene Therapeutin Hedda Rühle zunächst, was sich hinter dem Begriff „Psychotrauma“ verbirgt und wie Psychotraumata entstehen. „Dr. Psych“ und seine Helfer, freundliche Comicfiguren, unterstützen den Leser bei der Orientierung in dem rund 450 Seiten umfassenden Werk. Die Vermittlung komplizierter Sachverhalte geschieht in einer für Laien leicht verständlichen Sprache und mit reichhaltigen Metaphern, die helfen, selbst schwierige Zusammenhänge nachzuvollziehen und im Gedächtnis festzuhalten.

Rühle vertritt die These, dass Borderline kein isoliertes Krankheitsbild ist, sondern eine Summe von Symptomen, die durch mindestens ein oder mehrere Traumata ausgelöst wurden. Ihre Definition ist einleuchtend, denn Erfahrungen wie Vernachlässigung im frühen Kindesalter, sexueller Missbrauch, Abhängigkeiten aller Art lassen sich in unterschiedlichen Kombinationen in beinahe jeder Borderliner-Biografie finden. Es ist ein sehr pragmatischer Ansatz, der es ermöglicht, mit der Behandlung von Traumafolgen zu beginnen, ohne lange in der Bearbeitung von Kindheitserfahrungen zu verharren.

Die Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit ist relativ

Als wichtig für die Auflösung von Vorurteilen gegen psychisch Kranke finde ich die Erkenntnis, dass die meisten Menschen im Laufe des Lebens mit kleineren oder größeren Traumata konfrontiert werden. Trennungen, der Tod eines geliebten Menschen, eine schwere Erkrankung – all das und nicht nur die „große Themen“ wie Krieg und Gewalt – sind traumatisch. Der Unterschied zwischen „Kranken“ und „Gesunden“ liegt letztendlich in der Fähigkeit, belastende Erlebnisse in die Biografie zu integrieren, bzw. im Ausmaß an Resilienz – der psychischen Widerstandsfähigkeit – die ein Mensch mitbringt oder sich im Laufe seines Lebens aneignet. Denn das ist Dank der Neuroplastizität des Gehirns immer möglich.

Die ausführliche Beschreibung der therapeutischen Grundsätze und Vorgehensweisen sowie die Anregungen zur Selbsthilfe nach einer Borderline-Diagnose habe ich nicht nur als aufschlussreich empfunden, sondern auch als inspirierend für meine eigene Arbeit.  Immer wieder treffe ich auf Menschen, die mit belastenden Lebenssituationen umgehen müssen. Schreiben ist eine Möglichkeit, sich konstruktiv damit auseinanderzusetzen. Deshalb habe ich mich gefreut, dass in der Borderline-Therapie auch mit dem Medium Schreiben gearbeitet wird.
Gemessen an den Möglichkeiten, die Gesundheitsförderndes Kreatives Schreiben bietet, denke ich jedoch, dass besonders im Bereich der Selbsthilfe noch viele Möglichkeiten ungenutzt sind.

Dr. Psych´s Ratgeber Borderline informiert und berührt gleichermaßen. Durch die lebendige Einbeziehung von Erlebnisberichten und die Illustration mit Zeichnungen von Katja P., die sich auf diese Erlebnisse beziehen, werden die Lesenden gleichermaßen kognitiv wie emotional angesprochen. Ich würde mir wünschen, dass diese Art der Wissensvermittlung auch auf anderen Ebenen der Sozial- und Humanwissenschaften Schule machen würde, denn ich glaube, erst echte Empathie für die Betroffenen führt dazu, Vorurteile abzubauen.

Sandra Maxeiner, Hedda Rühle: Dr. Psych´s Ratgeber Borderline, Zollikon 2018: Jerry Media Verlag, ISBN 978-3952 367 285

KLEINE SÜNDEN, ANHALTENDE WIRKUNG

1. Oktober 2018 | Kommentare deaktiviert für KLEINE SÜNDEN, ANHALTENDE WIRKUNG

Großartig! Der neue Roman von Wiebke Eden: „Die Schatten eines Jahres“

Einen leichtfüßig erzählten Roman mit Tiefgang möchte ich heute allen Leseratten empfehlen. Ein leises Buch, in dem Spannung, politische Relevanz und schöne Wörter aufeinandertreffen. Ein Buch, das innehalten lässt, auch wenn man es bis zur letzten Seite nicht mehr aus der Hand legen will. Es geht um eine eigenwillige Frau, die sich gerne einmischt und dabei die Schattenseiten des „Dabeiseins“ erlebt.

Für Mathilde, Tochter aus gutem Haus mit nationaler Gesinnung, eröffnet sich mit ihrer Einstellung als eine der ersten fünf Stewardessen Deutschlands 1938 ein glanzvolles Leben. Die adretten und gebildeten jungen Damen sind Teil einer ausgeklügelten Imagekampagne für die Innovationskraft des deutschen Ingenieurwesens bei der Entwicklung des Passagierflugverkehrs.
Mathilde liebt die Flüge mit dem „Condor“, einer Maschine, mit deren Flugreichweite die Deutsche Luftfahrtgesellschafft einen vielbeachteten Meilenstein gesetzt hatte. Wenn nach den Präsentationsflügen glanzvolle Empfänge für Gäste aus Politik, Wirtschaft und Journalismus gegeben werden, sind auch die Stewardessen immer dabei. Mathilde genießt es, Teil einer wichtigen Entwicklung sein, darüber hinaus spielen die politischen Veränderungen im Lande für ihr Leben keine Rolle. Dennoch verursachen ihr kleine  Beobachtungen, wie beispielsweise  auf dem Heimweg in der Progromnacht vom 9. November ,  ein mulmiges Gefühl. Doch solche Bilder schiebt sie schnell beiseite.

Auf einem ihrer Flüge lernt sie den Funker Konrad kennen und lieben. Nach ihrer Hochzeit ist zu Mathildes Leidwesen Schluss mit der Fliegerei, denn verheiratete Frauen werden bei der Lufthansa nicht weiterbeschäftigt. So klingt es für sie nach einer spannenden Abwechslung, als Konrad ihr eröffnet, sie könnten zusammen nach Barcelona gehen, wo die Deutsche Luftfahrtgesellschaft ein Tochterunternehmen aufbauen wolle. Er solle sich dort um die Flugsicherung über Funk zu kümmern. Das hinter diesem Job weit mehr steckt, entdeckt Mathilde erst später. Sie langweilt sich als Hausfrau, möchte wieder Teil von etwas Großem sein – und lässt sich als Spionin für Hitlerdeutschland anwerben.

Wie vielen Deutschen gelingt es Mathilde nach dem Krieg, diese Periode ihres Lebens erfolgreich auszublenden. Doch nach der Teilnahme an einer Sitzblockade gegen die Stationierung der amerikanischen Mittelstreckenraketen Pershing 2, wird die herzkranke Achtundsiebzigjährige wegen Landfriedensbruchs verurteil und zu gemeinnütziger Arbeit im Park verdonnert. Das ruft die Presse auf den Plan. Nach anfänglicher Freude über die Aufmerksamkeit, die ihr zu Teil wird, drängen nach und unrühmliche Bilder aus der Vergangenheit zurück in Mathildes Bewusstsein – und mit ihnen Scham und Schuld.

Unangestrengt wechselt die Autorin zwischen den Zeitebenen, die in den Jahren 1939/1940 und 1986/1992 liegen. Wie Puzzlestücke setzt sie Momente aus Mathildes Leben zusammen. Das geschieht in knappen Sätzen, in denen ein fulminanter Wortschatz und eine feine Beobachtungsgabe das Kopfkino der Lesenden mit bunten Bildern und prickelnder Atmosphäre befeuern. Jenseits von Urteilen lernt man die junge wie die alte Mathilde kennen und entwickelt eine Vorstellung dafür, wie leicht es ist, in politisch aufgewühlten Zeiten in etwas hineinzuschlittern, das man später bitter bereut.
Mathilde ist keine überzeugte Nationalsozialistin, im Gegenteil, immer wieder schimmert Empathie für die Opfer des Systems durch. Und doch genießt sie Glanz und Gloria des Dritten Reiches, sowohl als eine der ersten Stewardessen, als auch als Dauergast der opulenten Abendgesellschaften der Deutschen Kolonie im Barcelona des Franco-Faschismus, während der die Spanier hungern und bittere Not erleiden.
Ihr Einsatz in der Friedensbewegung der 1980er und 1990er Jahre ist jedoch weit mehr als Opportunismus oder der Versuch, die alte Schuld abzuarbeiten. „Nie wieder Krieg“, die Forderung der Friedensbewegung ist ihr ein ernsthaftes Anliegen geworden. Wer erlebt hat, was der Krieg anrichtet und aus Menschen macht, hat eine Verantwortung dafür, folgende Generationen vor einer solchen Erfahrung zu schützen. Davon ist die alte Mathilde überzeugt.

Wiebke Eden verbindet Mathildes Biografie meisterhaft mit gut recherchierten Elementen der Zeitgeschichte und schafft es en passant immer wieder, Zusammenhänge aufzuzeigen, die nicht unbedingt präsent sind, wie beispielsweise die Rolle der Deutschen bei der Machtübernahme und -stabilisierung von Spaniens Diktator Franco.

Wieder leben wir in Zeiten der politischen Umbrüche, in einer Zeit, in der ein Rechtsruck in der Gesellschaft unsere Demokratie bedroht.
Wieder ist die Haltung, sich nur um das eigene Wohlergehen zu kümmern, weit verbreitet. Menschen, die Flucht und Vertreibung am eigenen Leibe erlebt haben, zeigen sich hart und ablehnend gegenüber Menschen, die heute in der Hoffnung auf Sicherheit und ein besseres Leben ins Land drängen. Selbst viele Menschen der „Enkelgeneration“ sind heute bereit, neuen Nazis Tür und Tor zu öffnen, um den eigenen Wohlstand zu sichern.

Auf diesem Hintergrund ist „Die Schatten eines Jahres“ nicht nur ein Buch, das man gerne liest und kaum aus der Hand legen kann, sondern auch ein wichtiges Buch. Ich wünsche mir, dass Wiebke Eden viele Leser erreicht und damit auch zum Nachdenken über Parallelen in der Geschichte anregt.

Erschienen ist es im Berliner BüBül-Verlag, ISBN 978-3-9468ß07-26-1

Wer den unabhängigen Kleinverlag unterstützen möchte, kann das Buch auch direkt dort bestellen:  http://www.tanjalanger.de/buebuel/, Email für die Bestellung:
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VON RATTENBEKÄMPFUNG, ERDBEBEN, CHEMISCHEN KAMPFSTOFFEN, LIEBE UND LEBENSFREUDE BEIM UMGANG MIT UNGEBETENEN GÄSTEN

19. September 2018 | Kommentare deaktiviert für VON RATTENBEKÄMPFUNG, ERDBEBEN, CHEMISCHEN KAMPFSTOFFEN, LIEBE UND LEBENSFREUDE BEIM UMGANG MIT UNGEBETENEN GÄSTEN

Puzzlestücke aus dem GKS-Schnupperworkshop beim 4. Bundestreffen Eierstockkrebs in München

 

Auf Einladung der Initiatorinnen des 4. Bundestreffen Eierstockkrebs, Andrea Krull und Brita Jung, durften wir am vergangenen Wochenende das umfangreiche Programm dieses beeindruckenden Selbsthilfekongresses mit einer „kleinen Schreibtour“ ergänzen. „Klein“ insofern, als das Programm unserer „normalen“ Schreibtouren komplett durch das medizinische und kreative Programm der Stiftung Eierstockkrebs bestritten wird, während wir Berliner diesmal „nur“ mit drei Programmpunkten von der Partie waren.

Meine Kollegin Susanne Diehm hat in ihrem aktuellen Blogbeitrag über die Veranstaltung insgesamt berichtet, an dieser Stelle möchte ich ein Schlaglicht auf den Kreativteil setzen.

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