Jutta Michaud

Blog

Ein Hoffnungsschimmer für Schmerzpatienten

ISBN 978-3-95803-169-2
München: Scorpio 2018

Wie höllisch Schmerzen sein können, wissen alle, die sich jemals mit Zahn-, Kopf- oder Bauchschmerzen herumgequält haben. Was aber, wenn die Schmerzen chronisch sind, ziellos durch den Körper mäandern, Lebenslust und Energie absaugen, wie ein bösartiger Vampir? Wenn bei der Suche nach der Ursache die Geduld auf eine Zerreißprobe gestellt wird? Durchschnittlich sechs bis sieben Jahre dauert es, bis ein Schmerzpatient einen Arzt findet, der mehr für ihn oder sie tut, als Schmerzmittel oder eine Psychotherapie zu verschreiben. Für mich als Mutter einer Heranwachsenden mit chronischen Schmerzen und unerklärlichen Symptomen, die den Durchschnittswert der Diagnose-Suche längst überschritten haben, ist das Buch von Prof. Dr. med. Gustav Dobos zumindest ein Hoffnungsschimmer, den ich anderen Betroffenen gerne ans Herz legen möchte.

 „Sie können immer etwas an ihren Schmerzen verändern – mit großer Wahrscheinlichkeit zum Positiven“.

So lautet die Botschaft des Mediziners, der zugleich engagierter Wegbereiter der wissenschaftsbasierten Naturheilkunde ist und neben der westlichen auch die chinesische Medizin eingehend studiert hat. An der Universität Duisburg-Essen hat Prof. Dobos einen Lehrstuhl für Integrative Medizin und Naturheilkunde und leitet seit 2004 die gleichnamige Lehrklinik der Alfred Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung in Essen Mitte. Die Klinik, in der Schulmedizin, wissenschaftlich geprüfte Naturmedizin sowie Mind-Body-Medizin gleichberechtigt nebeneinanderstehen, unterhält eine eigene Forschungsabteilung sowie Kooperationen mit Fachabteilungen renommierter Kliniken.

Laut einer Studie aus dem Jahr 2006 leiden 17 Prozent der Deutschen über 18 Jahren an chronischen Schmerzen. Lediglich zwei Prozent von ihnen erhalten eine spezialisierte Schmerztherapie, weil viele Ärzte schlichtweg zu wenig über Schmerzen wissen.

Schmerzen zermürben, führen zu Persönlichkeitsveränderungen und werden oft nicht ernst genommen

 

Leider verfügt die Mehrheit der Mediziner nicht über einen Hirnscan, anhand dessen man sehen kann, dass und an welcher Stelle das Gehirn von Schmerzreizen befeuert wird. Vermutlich würde es das Arzt-Patienten-Verhältnis deutlich verbessern. „Das ist alles psychosomatisch“ heißt es irgendwann, wenn die klassischen Diagnoseverfahren keine ursächliche Erklärung erbracht haben. Zum Schmerz gesellt sich dann das bittere Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Wie Wackersteine drücken solche Zuschreibungen auf die Seele. Hobbies werden aufgegeben, Schule, Ausbildung oder Beruf können nur mit halber Kraft bewältigt werden, soziale Kontakte schrumpfen.

Mit einer Medizin, die ganzheitlich auf den Schmerz eingeht, muss das nicht sein. Das zumindest ist die zweite Botschaft von Professor Dobos. Denn, so seine Erklärung, Schmerz ist sehr viel mehr als nur eine körperliche Reaktion auf eine Verletzung oder Fehlfunktion. Vielmehr gibt es biografische, soziale, seelische und kulturelle Anteile, die dabei eine Rolle spielen und miteinander verknüpft sind.

Um dieses komplizierte Geflecht verständlich zu machen, geht der Autor zunächst eingehend auf die unterschiedlichen Schmerzarten und deren physiologische Ursachen ein. Die Lesenden erfahren, wie sich verschiedene Schmerzzustände im Gehirn manifestieren, ein „Schmerzgedächtnis“ erzeugen und das emotionale Erleben verändern.

Fakten und Ermutigungsgeschichten

Das klingt erst einmal erschreckend, doch zum Glück zeigt der Autor anhand von Fallbeispielen immer wieder, dass Heilung oder zumindest Schmerzlinderung möglich ist – selbst unter der Prämisse, dass es schwierig ist, den Schmerz objektiv zu diagnostizieren.
In erfrischend verständlicher Sprache führt er seine Leser*innen durch so vielseitige Themen wie neurophysiologische Fakten, Schmerzmittelabhängigkeit, Chinesische Medizin, der Rolle von Darmbakterien, dem Einfluss von Bewegung auf das Schmerzempfinden, Naturheilkunde und Resilienz und vieles mehr. Dazwischen lassen sich biografische Erzählmomente finden, die verdeutlichen, warum Professor Dobos sich der ganzheitlichen Medizin verschrieben hat.

Anschauliche Übersichten, Schaubilder, gehaltvolle Zusammenfassungen zu einzelnen Schlagworten ergänzen den Text. Die wichtigste Aussagen eines Kapitels sind zur schnellen Auffindbarkeit farblich markiert. Im letzten Teil des Buches sind häufige Schmerzursachen noch einmal übersichtlich mit Symptomen, Ursachen, einer Gegenüberstellung von konventionellen und naturheilkundlichen Behandlungsformen aufgeführt, die abgerundet werden durch konkrete Hinweise zur Selbsthilfe. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis, nach Themengebieten sortiert, bietet eine Fülle an Informationsquellen für alle, die mehr erfahren möchten. Nach der Lektüre hatte ich das Gefühl, eine Reihe von neuen Ansatzpunkten gefunden zu haben – mehr kann ein Buch kaum leisten.
Als Hilfe zur Wiedererlangung der Autonomie hätte die Schreibtherapie noch gut zum Thema „Selbsterkenntnis und Selbstfürsorge“ gepasst, doch leider wird GKS noch in zu wenigen Kliniken als therapeutisches Zusatzangebot eingesetzt. Doch nicht zuletzt durch die Schreibtour und die Verbreitung unserer Erfahrungen mit den Seminaren in der Charité wird sich das hoffentlich bald ändern.

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