Jutta Michaud

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Pilates: Bierbrauer, Boxer, Heiler und Erfinder – Das Leben einer Fitnesslegende

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Über Joseph Pilates kursieren viele Mythen. Seine Familie sei einst aus Griechenland ins Ruhrgebiet eingewandert, heißt es beispielsweise. Er habe in England als Krankenpfleger in einem Kriegslazarett gearbeitet und den Boxer Max Schmeling entdeckt. Er sei Tänzer gewesen und habe sich nach einer Bühnenverletzung mit seinen Übungen selbst geheilt.

Tatsächlich lässt sich sein Familienstammbaum über Jahrhunderte hinweg im rheinischen Mönchengladbach nachverfolgen. Von Griechen im Stammbaum keine Spur. In England war er während des 1. Weltkrieges fünf Jahre lang als unerwünschter Ausländer interniert. Sein Lagerleben strukturierte er vornehmlich durch Boxen und Muskeltraining. Von Max Schmeling hörte er erst, als dieser sich schon einen Namen gemacht hatte. Tänzer war er nie. Doch sein Erfolg basierte darauf, dass er Übungen und Trainingsgeräte entwickelte, mit denen er in den USA zahlreiche Karrieren verletzter Tänzerinnen und Bühnenstars rettete.Eine Ausbildung zum Sportlehrer oder Physiotherapeuten hatte er nie. Joseph Pilates war ein begnadeter Autodidakt mit einer filmreifen Lebensgeschichte.  Filmreife Lebensgeschichte eines begnadeten Autodidakten
Die Historikerin und Autorin Eva Rincke, selbst Fan seiner Übungen, wollte es genau wissen. Akribisch nahm sie die Fährte jenes Mannes auf, der am 9. Dezember 1883 in Mönchengladbach als eines von neun Kindern einer Fabrikarbeiterin und eines Schlossergesellen geboren wurde. Sie tauften ihn Josef. Später ersetzte er das „f“ durch das angloamerikanische „ph“. In seiner Wahlheimat USA nannte er sich später Joe.
In Archiven, an Originalschauplätzen seines Lebens, in Gesprächen mit Zeitzeugen sammelte die Biografin Puzzlestücke des Lebens eines Mannes, der vom schwächlichen „Schulschwänzer, der Schiller und Schopenhauer zitierte“ (Rincke) zum Turner, Boxer, Bierbrauer, begnadetem Erfinder und Begründer einer Trainingslehre mutierte, die heute, fast ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod, in fast jedem Fitnessclub der Welt gelehrt wird. Herausgekommen ist dabei das Portrait eines ungewöhnlichen Menschen, der zeitlebens von der Leidenschaft getrieben wurde, seinen Körper zu beherrschen. „Contrology“ nannte er die Übungen, die wir heute unter seinem Familiennamen kennen. Pilates war davon überzeugt, die Welt könne ein besserer Ort werden, wenn Menschen schon in ihrer Kindheit ihren Körper schulen würden. Was Neurophysiologen heute mit den komplizierten Scans und Analysen nachweisen, wusste er damals instinktiv: Sport heilt Körper und Seele. Und wie viele Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts fand er seine Erkenntnisse im Selbststudium.

Vom Mobbingopfer zum Boxer
Ein schmächtiger kleiner Junge sei Pilates gewesen, durch die ärmlichen Lebensumstände rachitisch und kränklich, von seinen Mitschülern gehänselt. Gleichaltrige fanden ihn merkwürdig, weil er ihnen lieber beim Spielen zusah, statt mitzuspielen und sich stundenlang damit beschäftigte, Tiere zu beobachten. Fasziniert von deren schönen, fließenden Bewegungen konzentrierte er sich auf die genaue Beobachtung der Muskulatur. Durch seinen Vater, einen begeisterten Turner, kam er zum Gladbacher Turnverein und setzte alles daran, Bewegungsabläufe so perfekt wie möglich zu studieren und auszuführen.

„Turnen“ war damals der Oberbegriff für eine breite Palette von Sportarten: Vom Boden- und Geräteturnen über Laufen und Hüpfen bis hin zu Übungen, die in der heutigen Fitnesswelt „Bootcamp“ genannte werden. Boxen, im Deutschen Reich bis 1908 verboten, gehörte ins heimliche Repertoire der „Körperertüchtigung“, wie es damals hieß. Dem Boxen gehörte Josephs besondere Leidenschaft.

Bereits mit 14 Jahren hatte er sich zu einem kräftigen jungen Mann gemausert, den niemand mehr hänselte. Mehr noch: Er hatte abgespeichert, wie man einzelne Muskelgruppen optimal trainiert und durch Versuche an seiner Rückenschmerz geplagten Mutter herausgefunden, wie bestimmte Übungen gezielt gegen Schmerzen eingesetzt werden können.

Widerspenstiger Bierbrauer mit hochfliegenden Plänen…
Der junge Mann war wild entschlossen, seine Leidenschaft zum Beruf zu machen, auch wenn ihm alle formalen Voraussetzungen fehlten. Widerwillig erlernte er das Bierbrauerhandwerk, das ihm viel zu wenig Zeit für sein Training ließ. Doch die Konstruktion und Mechanik der Maschinen, die in jener Zeit zum Bierbrauen erfunden wurden, erweckten sein Interesse. Er träumte davon, das Muskeltraining mechanisch zu unterstützen.

Wann immer er ein wenig Geld gespart hatte, kündigte er und widmete sich dem Sport. Auch in Bibliotheken verbrachte er unzählige Stunden. Wie die Raupe Nimmersatt verschlang er alles, was er zu seinem Thema finden konnte, von Anatomie über Bodybuilding bis zur Tanz- und Theatertheorie. Das änderte sich auch nicht, nachdem er 1905 geheiratet hatte, seine Familie bekam ihn selten zu Gesicht. Und wenn er einmal zuhause war, studierte er die Bewegungen seiner kleinen Tochter. Daraus zog er Schlussfolgerungen über die Arbeitsweise der Muskulatur und Methoden zu deren Stärkung. Bestätigt fand er seine Beobachtungen in den Schriften von Eugen Sandow, Bodybuilder und Begründer erster Fitnessstudios. Auch was die Ärztin Bess Mensendieck in ihrem Buch „Die Körperkultur des Weibes“ beschrieb, passte ins Denkschema des ambitionierten Bierbrauers. Mensendieck beschrieb 1906 das Training der „Zentrale“, die bewusste Anspannung von Bauch- und Beckenmuskulatur, die, verbunden mit der Atemtechnik nach Genevieve Stebbins, heute als Training des „ Powerhouses“ bekannt ist. Von Stebbins, einer amerikanischen Tänzerin und Schauspielerin, übernahm er auch die Idee der bewussten Entspannung.

Eva Rinke hat sich tief hineingedacht in diese Zeit mit ihren sozialen, politischen und sportideologischen Strömungen. So lässt sich ihre Pilates-Biografie mehrdimensional lesen und das macht sie besonders spannend.

…und dunklen Seiten
1912 beschloss Pilates, mit seiner Familie nach Amerika auszuwandern. Doch in der Nacht vor der Einschiffung ließ er Frau und Kinder ohne Geld und Gepäck zurück und verschwand spurlos. Wo er sich aufhielt, ehe er 1913 wiederauftauchte, ist ungeklärt. Sicher ist, dass er sich auf den Weg nach England machte. Für Handwerker war Großbritannien damals ein beliebtes Einwandererland.

Hunderttausende suchten dort bessere Arbeits- und Lebensbedingungen, viele wanderten illegal ein. Mit Ausbruch des 1. Weltkrieges schlug ihnen Hass und Ablehnung entgegen. Am 17. Oktober 1914 gab es Szenen, die an die deutsche Progromnacht vom 9. November 1933 erinnern. Pilates wurde interniert und landete schließlich auf der Isle of Man. Wie die Immigranten unserer Tage, litten die Gefangenen unter erzwungener Untätigkeit. Pilates machte sich für tägliche Sportangebote stark. Besonders das Boxen nahm dabei viel Raum ein. Die erfolgreichsten Kämpfer des Lagers etablierten den Boxsport nach dem Krieg in Deutschland, wo es sich ab 1919 zum Massensport entwickelte.

Pilates, der 1919 zum 2. Mal geheiratet hatte, gründete eine Boxschule und versuchte sich eine Weile erfolglos als Profikämpfer. Nebenher entwickelte er das Patent für sein erstes Trainingsgerät, die „Vorrichtung zur Beseitigung oder Besserung von Bein- und Fußfehlern“. Viele weitere, die bis heute in speziellen Pilates-Studios eingesetzt werden, sollten im Laufe der kommenden Jahre folgen. Reich geworden ist er damit jedoch nicht. Ein Großteil seiner Einnahmen floss regelmäßig in die Entwicklungs- und Patentkosten für neue Geräte.

1923 nahm er bei der Hamburger Polizei eine Stelle als Lehrer für Selbstverteidigung an. Dieser Schritt verschaffte ihm einige wichtige Kontakte, u.a. zu zwei Orthopäden, die ihm seine ersten Reha-Patienten schickten. Doch die Hoffnung auf den großen Durchbruch war vergebens. So bestieg er 1925 das Schiff in sein neues Leben – wieder ohne seine Frau und auch ohne seine Kinder. Und prompt lernte er während der Überfahrt mit Clara Zeuner seine künftige Lebensgefährtin kennen. Auch sie blieb nicht seine letzte Geliebte, aber die Frau, mit der er bis zu seinem Tod zusammenlebte.

Neues Leben in New York
Gemeinsam eröffneten sie einen Übungsraum in der Eight Avenue 939, einem typischen Viertel für arme Einwanderer und Künstler. Clara wurde zum Herzen des Studios, denn der Meister hatte eine recht kauzige Seite. Wenn seine Kunden nicht spurten, verließ er wütend den Raum und Clara bügelte die Stimmung glatt. Es heißt, manche Kundinnen hätten sich regelrecht vor ihm gefürchtet, aber der Erfolg seiner Trainingsmethode hielt sie bei der Stange. Neben dem Mattentraining, das die meisten Fitnesstreibenden heute mit seinem Namen verbinden, wurde im Studio intensiv an den Geräten gearbeitet, die er zur Behandlung von Muskel-, Sehnen- und Rückenerkrankungen entwickelt hatte.

Es lohnt sich, die umfangreiche Geschichte von „Joes“ Aufstieg zum Trainer und Heiler verletzter Ballettgrößen, Gestalter von Schauspielerkörpern und Aufrichter gebrochener Herzen, bei Rincke nachzulesen.

Kampf um medizinische Anerkennung
Was mich an seiner Geschichte besonders fasziniert hat, sind die vielen Parallelen zur Gegenwart. Auch wenn die sozialen Umstände nicht ganz so dramatisch sind wie damals, wiederholen sich die Muster. Ganz besonders, wenn es um die Anerkennung ergänzender Therapieformen geht.
Als Autodidakt hatte Pilates trotz großartiger Heilungserfolge keine Chancen auf medizinische Anerkennung. Dabei basierte sein Erfolg zu einem großen Teil auf der Heilung von Verletzungen, bei denen die Schulmedizin versagt hatte. Besonders eindrucksvoll war die Heilung einer Brustkrebspatientin, die ihren Arm nicht mehr bewegen konnte, weil während der OP der Brustmuskel durchtrennt worden war. Durch gezieltes Training der angrenzenden Muskulatur verhalf Pilates ihr zur vollen Einsatzfähigkeit ihres Armes. Dennoch scheiterte der geplante Aufbau eines Reha-Zentrums für Brustkrebspatientinnen kurz vor der Vertragsunterzeichnung mit der Klinik daran, dass Joseph Pilates weder Arzt, noch Physiotherapeut war. Von dieser Enttäuschung konnte er sich kaum erholen. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass dankbare und prominente Klienten sich Ende der 1950er Jahre enthusiastisch dafür einsetzen, seiner Methode landesweit zum Durchbruch zu verhelfen. Den Siegeszug durch die internationale Fitnesswelt hat er leider nicht mehr erlebt. Verbittert starb er am 9. Oktober 1967 in New York.

Parallelen zur Schreibtherapie
Wie schwierig es ist, nachweislich hilfreiche Methoden zu etablieren, die in ihrer Wirkung nicht wissenschaftlich validiert sind, zeigt die Geschichte der Schreibtherapie. Auch ihre Spuren reichen weit ins beginnende 19. Jahrhundert zurück, doch erst mit den Studien von Pennebaker und Beall in den 1970er Jahren wurde sie stetig ernst genommen. Noch heute, fast 50 Jahre später, hat sie in Deutschland kaum Einzug genommen in Krankenhäuser und Rehakliniken. Dabei ist sie nicht nur wirksam, sondern auch kostengünstig. Durch die Initiative von Professor Jalid Sehouli und die von ihm initiierten Workshops für Tumorpatientinnen an der Charité, unser gemeinsames Buch sowie die Schreibtour durch die wichtigsten Krebszentren im deutschsprachigen Raum, hoffen wir auf eine größere Aufmerksamkeit und die Verbreitung des Gesundheitsfördernden Kreativen Schreibens. Diese Variante der Schreibtherapie haben Susanne Diehm und ich als Team SUDIJUMI gemeinsam entwickelt. Das große Interesse an unseren Fortbildungen lässt uns auf einen zunehmenden Einsatz im Gesundheitswesen sowie in pädagogischen Berufsfeldern hoffen. Denn man muss nicht krank sein, um vom Schreiben zu profitieren!

Schreiben und Pilates – eine vielversprechende Verbindung
Als langjähriger Pilates-Fan bin ich davon überzeugt, dass Schreiben und Pilates sich in ihrer Wirkung optimal ergänzen. Beides fördert neue neuronale Verknüpfungen im Gehirn, wirkt stimmungsaufhellend und stärkt das Gefühl der Selbstwirksamkeit. Positive Gefühle, die durch körperliche Aktivität entstehen, können schreibend optimal verankert werden, denn um zu unserem innersten Kern durchzudringen, bedarf es beides: Körper und Seele.
Derzeit arbeite ich an der Entwicklung verbindender Programme. Das erste Schreibangebot – Pilates und Journaling – biete ich für eine kleine Gruppe im Januar 2019 an. Bei Interesse bitte schnell melden!

 

 

 

Ein Kommentar

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