Jutta Michaud

Blog

Kein Stuhl blieb leer und kein Buch übrig – ein Abend mit Prof. Jalid Sehouli im Salon Anna Blume

Dicht gedrängt und überpünktlich saßen die Gäste am Montag im „2. Wohnzimmer“ von SUDIJUMI, dem Schreibsalon Anna Blume. Wo sonst Coachings, Kurse und Fortbildungen stattfinden, warteten sie gespannt auf den Arzt, der in seiner Doppelfunktion als international renommierter Onkologe und leidenschaftlicher Autor in mancherlei Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung ist.

Mit raumgreifenden Schritten betrat er den Raum, warf einen kurzen Blick in die Runde und beschloss spontan, im Stehen zu lesen. Er wolle sichergehen, dass ihn auch wirklich alle hören und sehen können, verkündete er. Nonverbale Message eines Vielbeschäftigten: „Jetzt bin ich voll und ganz für Euch da“.

„Und von Tanger fahren die Boote nach irgendwo“, stand auf dem Lesungsprogramm. Doch genau genommen geriet sein Buch ein wenig ins Hintertreffen, denn die Veranstaltung entwickelte sich eher in eine vergnügliche Vor-Lesung mit vielfältigen Inhalten. Biografisches mischte sich mit kulturellem, historischem und allgemein-menschlichem und immer wieder mit der Wirkung des Schreibens.

Er sei „über das klärende Schreiben nur für sich, zum Schreiben im Dialog gekommen“, erzählte Sehouli. Als „Schreiben im Dialog“ bezeichnet er das Schreiben für andere. Denn indem man schon beim Schreiben sein Publikum und dessen mögliche Gedanken beim Lesen mitdenke, entwickele sich ein Dialog zwischen Autor und Lesendem. Der Lesende nehme Gedanken auf, gleiche sie mit eigenen Erfahrungen ab und mache etwas Neues aus dem Gelesenen. Dieser gelenkte Schaffungsprozess fasziniert Jalid Sehouli.  Wobei, und das sagt er deutlich, nicht jedes Schreiben für die Öffentlichkeit bestimmt sein muss. Auch der Dialog mit sich selbst sei ein wichtiger Prozess. Mehr als einmal hat ihm das Schreiben durch persönliche Krisen geholfen und nicht zuletzt deshalb wurde er zum Mentor für das Gesundheitsfördernde Kreative Schreiben an der Charité. Aber, auch das sagt er deutlich, Schreiben ist nicht jedermanns Sache. Muss es auch nicht, denn so unterschiedlich Menschen sind, so unterschiedlich sind auch deren Leidenschaften. Als Arzt weiß er, wie wichtig es für die Gesundheit und vor allem auch für die Genesung von einer schweren Krankheit ist, seine Leidenschaften zu leben. Es ist beinahe so wichtig, wie ein engmaschiges Netzwerk aus liebevollen Menschen, Familie, Freunden und manchmal auch die Erfahrung tiefer Verbundenheit zwischen Fremden, aus denen Freunde werden können.

Dass Schreiben die Leidenschaft des Autors Jalid Sehouli ist, kann an diesem Abend niemand übersehen. Es ist die gleiche Intensität, die man für seine Berufung als Arzt spürt, auch wenn er sagt, er trenne zwischen beiden Bereichen. Und doch betreut er seine Patientinnen– Frauen mit Eierstockkrebs – mit der gleichen Grundhaltung: Er geht in den Dialog. Nicht nur im herkömmlichen Patientengespräch, sondern weit darüber hinaus mit seinem Engagement, an der Charité ein breites Angebot an künstlerischen Therapien bereitzustellen. Malen, singen, schreiben, für jede ist etwas dabei. Gemeinsam mit einer Patientin, Jutta Vincent, schreibt er in Kürze einen Literaturwettbewerb aus. Prominente wie völlig unbekannte Frauen sind aufgerufen, Texte rund um ihre Erkrankung einzureichen. Ganz unterschiedliche Perspektiven sind dabei gefragt, die die der Patientin, die der Angehörigen, die des Facharztes. Hoffnung, Mut sowie ein Bewusstsein für die eigene Stärke, sollen die Teilnehmenden daraus schöpfen. Wir werden auf SUDJUMI aus 1. Hand darüber berichten, denn meine Teamkollegin Susanne Diehm sitzt für  SUDIJUMI in der Jury.

Und wer nun neugierig ist, wo denn an diesem Abend das Buch ins Spiel kam: Es geht darin um „Geschichten über Flucht, Schmerz, Sehnsucht und andere Bewegungen der menschlichen Seele“ – Tanger, ein Sehnsuchtsort, und die Boote, die von dort hin nach Irgendwo starten, sind dafür ein Synonym.

Ich persönlich mag besonders die Episode der Begegnung des Autors/Arztes mit einer totkranken Patientin auf Seite 161 des Buches. Die ältere Dame fragt Prof. Sehouli, ob er an ein Leben nach dem Tode glaubt. Das sei keine einfache Frage für einen Wissenschaftler, erwidert er und erzählt ihr dann von seiner Mutter: „Liebe ist zeitlos und durchdringt alle Dimensionen. Schauen Sie in Ihr Herz, und Sie werden die wahrhaftige Antwort finden, das weiß ich.“

IMG_8243

Übrigens wurden an diesem Abend alle Bücher verkauft und auch beim Signieren entwickelten sich schöne Dialoge.

Zum Buch geht es hier:

www.bebraverlag.de

ISBN 978-3-86124-700-5,

 

Kommentare sind geschlossen.