Jutta Michaud

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Bye, Bye Selbstoptimierung

Zu den Büchern, die mich Ende 2016 nachhaltig beschäftigt haben und es immer noch tun, gehört „Innerlich frei“ von Ulrike Scheuermann.

Dieses Buch hat mich zu einer ganz besonderen Diät inspiriert: dem Versuch, ganz bewusst auf “ Vergleicheritis, Konkurrenzdenken, Müssen und Selbstoptimierung zu verzichten. “ Bewusst“ heißt in diesem Zusammenhang, dass ich mich in meinem Schreibjournal intensiv dabei begleite, das Thema als Experiment angehe und für mich selbst dokumentiere. Ich möchte wissen, wie sich meine Wahrnehmung dadurch verändern wird. Werde ich meinen Alltag tatsächlich gelassener gestalten können?

Auf die Idee kam ich, weil mich die Lektüre von „Innerlich frei“ einerseits mit vielen Denkimpulsen, aber andererseits auch skeptisch zurückließ. Wenn man im Leben „alles annimmt“, um innerlich frei sein zu können, was geschieht dann mit dem Antrieb, etwas erreichen zu wollen?  Ist nicht ein gewisses Maß an Wettbewerb nötig, wenn man Ziele vor Augen hat? Oder bin auch ich „gefangen“ im Netz der Selbstoptimierung, wie Scheuermann im es gleichnamigen 1. Kapitel ihres Buches schreibt? Darin enthüllt die Autorin, wie Konsumgewohnheiten, Denkweisen und Verdrängungsmechanismen  und „Dauermüssen“ den Blick darauf vernebeln, was uns persönlich wirklich wichtig ist im Leben.

Wir schnüren uns das Netz der Selbstoptimierung selbst immer enger. Ob es um den Kampf um den perfekten Körper geht oder um den Sieg über Alterungsprozesse, um Effektivität und Erfolg im Beruf oder um die „richtige“ Freizeitgestaltung. Es fällt uns meistens nicht einmal auf, dass es nicht unsere Ansprüche sind, denen wir da folgen, sondern den Verheißungen der bunten Werbewelt. Das geht so weit, dass es inzwischen zum guten Ton gehört, fleißig daran zu arbeiten, immer glücklich, entspannt zufrieden zu sein. Versagt hat schon, wer beim Meditieren seine Gedanken nicht auf stumm schalten kann. Das erfordert einen ungeheuren Kraftaufwand und erzeugt zusätzlichen Stress- selbst beim Entspannen!

Gut beschrieben und mit Beispielen aus ihrer umfangreichen Praxis als Coach und Therapeutin unterfüttert, zusätzlich mit eigenen Erfahrungen. Das ist wichtig, denn das Offenlegen eigener Schwachstellen ist ein erster Schritt in Richtung Freiheit. Wer eigene Schwächen akzeptieren kann, ist auch gnädiger bei der Beurteilung seinen Mitmenschen. Und nicht nur das. Inzwischen habe ich es mehrmals ausprobiert und dabei folgendes erfahren: wenn man sich traut, eigene Schwachstellen zu offenbaren, ermutigt man sein Gegenüber, ebenfalls die Maske der Perfektion zu lassen. Das entspannt und schafft Vertrauen. Es gehört allerdings etwas Mut dazu, denn die Rede ist hier von schmerzhaften Erfahrungen, die bis in die Gegenwart hineinwirken.

Im zweiten Kapitel geht e darum, falsche Erwartungen hinter sich zu lassen. “Frei“ heißt es.

Unsere Gesellschaft ist geprägt vom Mythen wie „Jeder ist seines Glückes Schmied“ oder „Vom Tellerwäscher zum Millionär“. Regale voller Ratgeber verheißen, wie man seine Ziele am besten und schnellsten erreichen kann.  Die könne man getrost vergessen, ist Scheuermanns Botschaft. Gnadenlos rechnet sie mit liebgewonnenen Konzepten wie der smarten Zielsetzung und dem positiven Denken ab. Stattdessen bricht sie eine Lanze für die Ambiguiätstolerenz. Das ist die Fähigkeit, ein Leben voller Unsicherheiten auszuhalten. Es gibt nichts Gutes ohne das Schlechte und umgekehrt, lautet die Quintessenz.

Scheuermann ermutigt, auf Versuch und Irrtum zu setzen. Die Bereitschaft zu entwickeln, aus Fehlern zu lernen und mit dem „Fluss des Lebens“ zu gehen. Dazu gehöre es auch, Ziele aufzugeben wenn die „Kosten“ den Nutzen überschreiten. Erfolg lasse sich weder programmieren, noch nachahmen, da zu viele Unwägbarkeiten eine Rolle spielen, schreibt sie.

Das leuchtet mir ein. Schon oft habe ich beobachtet, dass unterschiedliche Berufsbiografien oder Erfolgsgeschichten weder mit Fachkompetenzen, Intelligenz oder Fertigkeiten erklärbar sind. Oder ob ein Buch gehypt wird, während eines, das viel besser ist, es gar nicht erst auf die Bestsellerliste schafft. Es entlastet enorm, sich einzugestehen, nicht alles im Leben beeinflussen zu können. „Ett kütt wie ett Kütt“, sagen die Rheinländer. Es kommt, wie es kommt. Aber wie kommt man dahin, zu akzeptieren, nicht alles beeinflussen zu können?

Scheuermann setzt auf drei Faktoren: Vertrauen, Entwicklung und Freude. Vertrauen auf den Fluss des Lebens, der immer Entwicklungsräume für uns bereithält, selbst wenn sie erst einmal im Jammertal liegen. Wichtig sei es, der eigenen Freude zu folgen, indem man den „freudigen Flow“ zum Kompass seines Lebensweges mache.

Diese Idee gefällt mir gut. Ich glaube, genau so kann das funktionieren. Wenn ich aus dieser Perspektive ich auf die zurückliegenden 10 Jahre meines Lebens schaue, spricht vieles für Scheuermanns Ansatz. Beruflich habe ich erlebt, wie großartig es ist, sich auf einen neuen Weg zu begeben ohne genau zu wissen, was dabei herauskommt. Nachdem ich Marketing und PR hinter mir gelassen um mir als Master of Biographical and Creative Writing ein neues Berufsfeld aufzubauen, gab es einige Höhen und Tiefen, bis ich wusste, für welche der vielen Möglichkeiten mein Herz wirklich schlägt: für die Begleitung von Entwicklungsprozessen und Konzepten, die Schreibimpulse für die Gesundheitprophylaxe und für die Begleitung therapeutischer Prozesse nutzen. Ich bin dankbar für diese Entwicklungsschritte, die mich auch mit meiner Teampartnerin Susanne Diehm zusammengebracht haben. Inzwischen liegen fünf Jahre gemeinsamer Entwicklungsarbeit und persönlicher Entwicklungsgeschichte hinter uns. Und manches Mal haben wir, die durch die Arbeit Freundinnen geworden sind, uns im beruflichen Wettstreit unnötig verhakelt. Zum Glück gelang es immer wieder, die Haken zu lösen und zurück zum Wesentlichen zu finden. Auf diese Teamleistung bin ich mindestens ebenso stolz wie auf die inhaltliche Arbeit.

Ich glaube wir sind dem erfüllten Leben schon ziemlich nahegekommen. Der rote Faden ist sichtbar, und ich kann mit Fug und Recht behaupten, glücklich zu sein mit dem, was ich tue. Noch schöner wäre es, den Wunsch zur Perfektionierung völlig abstreifen zu können und damit stecke ich wieder mitten in meinem Selbstversuch.

Es ist eben nicht allein damit getan, die Zusammenhänge einmal zu verstehen. Die Kraft des gesellschaftlich Faktischen ist so stark, dass man sie immer wieder neu hinterfragen muss. Am besten schriftlich, dann setzt es sich besser fest.

„Freilassen und loslassen“, die Grundvoraussetzungen für das, was Scheuermann im Abschlusskapitel „Erfüllt“ beschreibt, sind wohl die schwierigsten aller Lebensaufgaben. Nichts mehr haben-wollen und müssen-müssen, sondern stattdessen mit dem eigenen Wesenskern in Kontakt sein, dem inneren Kompass folgen und die ungeliebten Seiten des Selbst und des Lebens ins tägliche Dasein integrieren, das ist keine Aufgabe, die man schnell mal nebenbei erledigt. Ich bin auf dem Weg und bleibe sehr gespannt!

Übrigens: Im Buch gibt es zu jedem Kapitel kleine Schreibimpulse, die den Einstieg ins Thema erleichtern.

Ulrike Scheuermann: Innerlich frei. Was wir gewinnen, wenn wir ungeliebten Seiten annehmen. Knaur 2016, ISBN 978-3-426-87742-5

2 Kommentare

  1. Jutta, soooooo gut!, dein Text über deinen Selbstversuch !!!!

    Danke 💐

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