Jutta Michaud

Blog

Serien als Schreibimpulse?

Kürzlich veröffentlichte meine Teampartnerin Susanne Diehm einen Blogbeitrag zum Thema „Wie finde ich die richtigen Worte für einen Freund/eine Freundin, die gerade eine Krebsdiagnose erhalten hat“. https://schreibenbefluegelt.wordpress.com/2016/12/05/reagieren-auf-die-schlechte-diagnose/

Krebs scheint gerade allgegenwärtig zu sein. In unseren Schreibgruppen und schreibtherapeutischen Einzelcoachings für Menschen mit schweren Erkrankungen, in unseren Familien und Freundeskreisen. Er hat sogar Einzug in Serien gehalten.

Muss man sich das abends auf der Couch auch noch antun? Unbedingt, finde ich. Wenn sie gut gemacht sind, bieten nämlich auch Serien viele Impulse, gerade wenn man sich mit Krankheit und Tod auseinandersetzen muss. Sie erleichtern Perspektivwechsel, wie sie auch beim Therapeutischen Schreiben eingesetzt werden. Manchmal entdecke ich sogar inhaltliche Parallelen zu unserer Arbeit bei SUDIJUMI.

Zum Beispiel in der der Vox-Serie „Der Club der roten Bänder“. Sie wird montags um 20.15 Uhr ausgestrahlt und handelt von einer Gruppe junger Langzeitpatienten in einem Kölner Krankenhaus. Krebs ist nur eine der Erkrankungen, mit der die jungen Leute geschlagen sind. Aber die mit dem höchsten Angstfaktor und die mit dem  drastischsten Auswirkungen auf das Erscheinungsbild der Betroffenen. Das macht den Krebs scheinbar mächtiger  als Herzerkrankungen, Magersucht oder die Erkrankungen der Atemwege, die häufig ebenso tödlich enden. Wir erfahren, es gibt es kein „besser“ oder „schlimmer“ wenn die Krankheitskeule heftig trifft. Ist das nicht Grund genug , um sich mit der Endlichkeit des Lebens auseinanderzusetzen?

In der Vox-Serie lernen wir junge Menschen kennen, die es kalt erwischt hat. So, wie jeden von uns täglich erwischen könnte. Wovon wir aber nichts wissen möchten. Doch wenn es geschieht, werden wir damit umgehen müssen. Und wir müssen auch hinschauen, wenn es einen Menschen trifft, den wir lieben.

Sich schreibend diesem Schrecken zu stellen, sich auf ein „Was wäre wenn…“ einzulassen, kann befreiend wirken. Es erleichtert uns den Umgang mit Erkrankten und hilft uns, eine Haltung für uns selbst zu entwickeln, falls es uns einmal erwischen sollte.

Der 17jährige Leo, eine der Hauptfiguren besagter Serie, hat gerade erfahren, dass sein Krebs wieder aktiv ist. Schlimmer denn je, seine Überlebenschancen liegen unter 10 Prozent. Ich bin entsetzt! Ausgerechnet Leo, der sich schon so tapfer mit seiner Beinamputation arrangiert hat! Der sympathische junge Mann, der sich in der letzten Folge noch auf seine Entlassung freute! Leo, der immer gerne und engagiert für andere da ist. Wie unfair ist das denn?

Doch dann taucht sein verstorbener Kumpel Alex auf (nur seine Freunde, die lebenden Clubmitglieder, können ihn sehen und mit ihm reden) und zeigt Leo, wie dessen Leben ohne Krebs verlaufen wäre.

Nicht nur Leos eigenes Leben wäre anders, auch das der Menschen, die ihm viel bedeuten. Einige von ihnen hätte er ohne seine Erkrankung nie getroffen und das wäre ein Verlust gewesen – für beide Seiten. Leo erfährt, dass es das Gute im Leben ohne das Schlechte nicht gibt und umgekehrt. Er hat tiefe Freundschaft erlebt, Liebe, einen väterlichen Unterstützer gefunden und wieder verloren, Bedeutsames im Leben anderer Menschen bewegt. Leo erkennt in dieser Szenenfolge, wie sinnvoll selbst ein kurzes Leben ist, wie kostbar kleine Glücksmomente sind. Regisseur Richard Huber hat diese Augenblicke der Erkenntnis wunderbar klar und kitschfrei inszeniert und doch rühren sie mich zutiefst. Und erstaunen mich, denn in dieser Folge erkenne ich zwei Schreibimpulse wieder, die wir selbst sehr gerne einsetzen und damit Erkenntnisprozesse hervorlocken, wie Leo sie im Film erlebt.

Wir ermutigen unsere Schreibklienten zu formulieren, was das Gute im Schlechten sein könnte und das Schlechte im Guten. Die ungewohnte, oft als provokativ empfundene Fragestellung führt immer  zu neuen Erkenntnissen.

Für den Serien-Leo wäre das Schlechte am Nicht-Krebs-Haben beispielsweise, wenn er den Asperger-Patienten Toni nicht getroffen hätte. Toni hätte dann weder eine Chance bekommen, seine wahren Talente zu entwickeln, noch den Wachkomapatienten Hugo aus seinem Körperverlies hervorlocken können. Und Leo hätte nie das unglaubliche Glücksgefühl erfahren, etwas wirklich Wichtiges angestoßen zu haben.

Klar, das klingt jetzt sehr dramatisch und unrealistisch. Zu schön, um wahr zu sein. Aber aus Erfahrung wissen wir, dass gerade bei Komapatienten immer wieder solche Wunder geschehen, nur, weil Angehörige oder Freunde ihnen zur Seite stehen. Gerade kürzlich trafen wir bei einem Seminar auf eine Frau, die nach Monaten nur deshalb den Weg zurück ins Leben fand, weil ihre Familie täglich mit Worten, Liedern und Berührungen um sie gekämpft hat. Zuwendung hilft und Eingebundensein in ein liebevolles Umfeld stabilisiert das Immunsystem. Das wusste schon Aaron Antonowsky, an dessen Erkenntnissen sich unsere Arbeit als SUDIJUMI orientiert.

Leider hat nicht jeder einen Alex, der ihm oder ihr andere Optionen des Lebens zeigt. Aber wenn man sich schreibend auf Dialoge mit dem „inneren Weisen“ oder einem „imaginären Freund“ einlässt, erscheinen manchmal ganz ähnliche Erkenntnisse auf dem Papier. Denn in unserem Unterbewusstsein wissen wir genau, was wirklich wichtig ist für uns. Schreiben hilft, sich auf die wesentlichen Dinge des Lebens zu konzentrieren. Es hilft, uns unseren Ängsten zu stellen und es uns hilft auch, wenn wir einen geliebten Menschen dabei unterstützen zu akzeptieren, dass sein Leben nie wieder sein wird, wie es war. Schreibend fällt es uns leichter, uns in seine Gefühlswelt einzufinden.

Zum sanften Einstieg in die Auseinandersetzung mit der Endlichkeit des Lebens empfehle ich den „Club der roten Bänder“. Vieles an dieser Serie mag unrealistisch sein und eigenen Erfahrungen mit dem Krankenhausalltag völlig zuwiderlaufen. Doch eins ist unschlagbar: die szenische Umsetzung jener psychischen Prozesse, seelischer Befindlichkeiten und Verhaltensweisen, die mit lebensbedrohlichen Krankheiten einhergehen. Und wenn Sie dann ganz mutig sind, schreiben Sie doch einmal auf, wie Sie von heute an die nächsten sechs Monate verbringen würden, wenn es Ihre letzten wären. Für Geld und Unterstützung ist bei diesem Schreibexperiment gesorgt, Sie dürfen sich ganz auf die Dinge konzentrieren, die wirklich wichtig sind. Wenn Sie die gefunden haben, dann kommt die nächste Schreibaufgabe:

Wie können Sie diesen Dingen in Ihrem jetzigen Leben den Raum verschaffen, den sie verdienen? Werden Sie kreativ. Trauen Sie sich etwas!

In unseren SUDIJUMI – Workshops und Einzelcoachings zeigen wir auf vielfältige Weise, wie man schreibend zu Antworten kommt, die jedem ganz persönlich entsprechen. Manchmal mit Tränen wie beim Serienschauen, wesentlich öfter mit schallendem Gelächter und Glücksmomenten.

Am 17. Januar beginnt unser nächster Workshop „Krankheit ist auch nur EIN Wort“ beim  gesundheit aktiv, in der Gneisenaustraße 42 in Berlin-Kreuzberg. Teilnehmen kann jede/r, denn wir betrachten dieses Angebot auch als Gesundheitsprophylaxe. „Gesundschreiben“ funktioniert nämlich auch, indem man seelische Lasten zu Papier bringt und schreibend etwas völlig Neues daraus macht. Anmeldung unter verein@gesundheit-aktiv.de

Für alle, die jetzt neugierig auf die Serien geworden sind, gibt es hier mehr Informationen:  http://www.vox.de/cms/sendungen/club-der-roten-baender.html

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