Jutta Michaud

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Scheingrenzen überschreiten

Schreibend lassen sich Sprachbarrieren und andere vermeintliche Hindernisse viel leichter überwinden, als man denkt. Man muss es nur wollen. Das ist für mich die schönste Erkenntnis der zweiten Februarwoche.

Maria Waidacher http://www.integralekinesiologie.com, die sich in Charlottenburg mit Herz und Seele für Flüchtlinge engagiert, hat mir diese wunderbare Erfahrung geschenkt. Auf ihre Anregung hin leitete ich vergangene Woche eine Schreibgruppe mit Menschen aus fünf Nationen. Niemand sprach Deutsch, weniger als die Hälfte der Teilnehmer konnten sich auf Englisch verständigen.

„Wie soll denn das gehen?“ hatte der kleine Kontrollfreak in meinem Kopf zuvor gefragt, aber zum Glück habe ich mich entschlossen, die Herausforderung anzunehmen. Schließlich wurde ich schon oft im Leben mit Glücksmomenten belohnt, wenn ich mich auf Experimente eingelassen habe.

Männergruppe? Männergruppe!

Die Gruppe hatte gleich mehrere Besonderheiten: Es handelte sich um eine reine Männergruppe – ein Novum für mich, denn meistens sind Teilnehmer in Schreibgruppen eine Minderheit. Die Männer kamen fast alle aus dem arabischen Sprachraum, wo Männer und Frauen andere Umgangsformen pflegen. Wie würden Männer aus Afghanistan, Syrien, Pälestina, Kurdistan und Mazedonien wohl auf eine Kursleiterin reagieren? Die Frage erwies sich als völlig überflüssig. Erwartungsvoll, respektvoll und voller Offenheit kamen die Männer in den kleinen Kursraum des Gemeindehauses am Eichkamp. Sie sind bereit, ohne Vorurteile Kontakt aufnehmen zu den Menschen, in deren Welt sie gestrandet sind, auch wenn die Sitten anders sind. Sie suchen einen offenen Austausch auf Augenhöhe, möchten erzählen, sich in neuen Formen des Miteinanders der Zuversicht vergewissern, die sie sich täglich neu erkämpfen müssen.

Mut zu neuen Ausdrucksformen

Schreibend finden auch Männer schnell einen Zugang zu Gefühlen, über die sie normalerweise eher ungern sprechen würden. Doch stehen diese erst einmal auf dem Papier, fällt auch die Hemmschwelle, laut auszusprechen, was bewegt. Zuerst leise und befangen, dann immer mutiger. Manchmal fällt es leichter, einen anderen den eigenen Text lesen zu lassen.

Jeder schrieb in seiner Landessprache. Die englischkundigen Männer unterstützten mich bei der Vorgabe der Schreibimpulse und übersetzten anschließend alle Texte. Für Maria und mich lasen sie die englischen Versionen vor und übersetzten unsere Texte ins Arabische. Sprachbarriere hin oder her, an diesem Abend hatte jeder einzelne Teilnehmer eine Stimme. Und selbst wenn nicht sicher sein kann, ob in der Übersetzung alle Feinheiten erfasst wurden, entstand beim Lesen und Besprechen doch ganz schnell diese besondere Nähe, die für das Schreiben in Gruppen so typisch ist.

Mauern zum Bröckeln bringen

Als Einstieg und zum Kennenlernen hatten wir einen kleinen Text zu unseren Namen geschrieben: Woher kommt er, was bedeutet er, wer hat ihn ausgewählt und aus welchem Grund? Welche Gefühle verbinde ich selbst mit meinem Namen?

Gleich in der ersten Leserunde entstand ein lebhaftes Miteinander. Mauern bröckeln, wenn jeder etwas von sich preisgibt. Wenige Worte können Herzen öffnen und den Blick freilegen auf biografische Versatzstücke. Da ist der Mann, der mit seinen Namen die Aufgabe in die Wiege gelegt bekam, sich der Gerechtigkeit zu widmen: Vertrieben von Extremisten. Ein anderer ist mit seinem Namen aufgerufen, sich zum Beschützer zu machen – in seinem Heimatland engagierte er sich für die Bildung seiner Landsleute. Jetzt muss er Schutz suchen vor jenen, für die Bildung ein Teufelswerk ist. Doch auch hier, in der Turnhalle, die sie „das Heim“ nennen, macht er sich für andere stark, nutzt seine Bildung, um Kontakte herzustellen und zu ermutigen.

Ein anderer trägt den Namen des Propheten und wird von jenen verfolgt, welche dessen Namen zum Aufruf zu Mord und Totschlag missbrauchen. Einige Namen sind mit Licht, Sonnenschein oder der Schönheit der Natur verbunden und auch in diesen Texten fällt auf, wie stark die Menschen in ihren Empfindungen mit ihren Namen verbunden sind. Vergleichbares habe ich bei Europäern bislang nicht erlebt. Bei uns verrät ein Name eher etwas über die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gesellschaftsschicht, Haltungen sind damit eher selten verbunden.

Jeder dieser Männer hat schlimme Dinge erlebt. Und dennoch fällt es ihnen leichter als vielen unserer deutschen Mitbürger, auf Anhieb kleine Glücksmomente zu notieren, die helfen, wenn der Schmerz zu heftig wird: Ein winziges Stück blauer Himmel, der Blick von einem Berg ins Tal, ein klassisches Musikstück, das Gesicht der Mutter, Beisammensein mit Freunden und Familie, die Begeisterung für eine Arbeit, mit der man sich identifizieren kann. Diese Erinnerungen bringen ihre Gesichter zum Leuchten.

Schreibend schöpfen sie Kraft für den täglichen Kampf um die Vision von einem sicheren Leben. Schreibend können sie sich annähern, an die Menschen, mit denen sie jetzt zusammenleben. Schreibend verarbeiten sie die Aufgabe, vor der sie jetzt stehen. Schreibend können sie zeigen, dass sie keine Bittsteller sind, die demütig an unsere Türen klopfen. Stolz, mutig und engagiert berichten sie aus ihrem Leben und bringen eine unbändige Lernbereitschaft und einen anpackenden Optimismus mit. Wenn wir zulassen, dass sich die unsichtbare Grenze zwischen Flüchtlingen und Einheimischen öffnet, werden auch wir profitieren von dieser positiven Energie.

Ich freue mich jedenfalls schon auf den nächsten Schreibabend!

7 Kommentare

  1. Tolles Projekt, schöner Text!!

  2. Super schön, Kollegin! Du hast den Mut, Grenzen zu überschreiten. SuDi

  3. ich schreibe, also BIN ich…

    wer schreibt, der denkt nach und wird andere verstehen und wird beim Lesen verstanden…

  4. Wow. Das müssen wirklich ganz besondere Momente gewesen sein – unfassbar, was zu Tage kommt, wenn man sich aufs Schreiben einlässt! Vielen Dank für diesen Artikel, von ganzem Herzen.

  5. Großartig, Jutta… mache weiter so!
    Von diesen tollen Menschen würde ich gerne demnächst ein Buch lesen. Wenn Dir das wirklich gelingen sollte, Hut ab!
    CB

    • Danke Cord, das fände ich auch super. Das Problem ist, dass man nie weiß, wie lange diese Menschen an einem Ort bleiben können. Ich habe inzwischen gelernt, dass sie völlig willkürlich umgesetzt werden. Sie müssen von einem Tag auf den anderen ihre Sachen packen, ohne zu wissen, wohin es sie verschlägt. Es wird auch keine Rücksicht darauf genommen, ob sie Freunde gefunden haben oder für ihre Heimgemeinschaft etwas Sinnvolles aufgebaut haben, oder durch ihre Sprachkenntnisse anderen helfen können.Total unwürdig. Bislang schaffen wir es, Kontakt zu halten und ich hoffe, so ein Buchprojekt lässt sich irgendwann realisieren.