Jutta Michaud

Blog

„Ab ins Körbchen, Schweinehund!“

Freitag, 02. Januar 2015. Der erste Termin weit hinten am Tage – was lag da näher, als den Wecker zu ignorieren und noch ein wenig zu träumen? Mein innerer Schweinhund wedelte freundlich und ermutigte mich, den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. So war das aber nicht geplant. Ich wollte den ersten Arbeitstag des Jahres schwungvoll angehen und erst einmal wegputzen, was unerledigt auf dem Schreibtisch krümelte. So griff ich nach der 2. Schlummerphase leicht angesäuert nach Schreibjournal und Stift.

„Was brauche ich heute, um das Ruder herumreißen zu können, um mich nicht am ersten Tag des Jahres gleich mies zu fühlen?“, fragte ich meine Morgenseiten. Und wie von Zauberhand geführt, erschien die Antwort auf den unberührten Seiten meines Schreinjournals: “Einen Plan mit dem Du die Dinge angehst, die heute anstehen. Hör auf zu winseln, sondern fang am besten gleich an!“. Das klingt streng, doch das Unbewusste, das allmorgendlich meine Schreibhand steuert, weiß genau, was ich an Tagen wie diesen brauche. Also wechselte ich den Stift und wenig später strahlte mir in leuchtenden Pink ein realistischer Tagesplan entgegen. Mit mundgerechten Aufgabenstellungen, die Lust auf mehr machten statt durch Fülle zu entmutigen. Zu einigen Punkten machte ich mir sofort ein paar Notizen, gönnte mir dann eine kurze Bewegungsmeditation und notierte anschließend in Hellblau, wie ich mich fühlte, am ersten Arbeitstag im neuen Jahr. Gut gelaunt hüpfte ich anschließend hinein ins Tagessgeschehen, holte meine Schlummerstunden schwuppdiwupp wieder auf und konnte mich am Abend über einen gelungenen Tag freuen. Der innere Schweinehund hatte sich ins Körbchen getrollt. Und wenn er nicht gestorben ist, wartet er dort noch immer auf seine nächste Chance.

Morgenseiten als Selbstcoaching

Seit gut 10 Jahren ist das Schreiben von Morgenseiten für ein festes Ritual, für das ich gern täglich 30-45 Minuten früher als nötig aufstehe. Denn ganz gleich, mit welcher Stimmung ich aus meinen Träumen erwache, sie verhelfen mir immer zurück zu positiven Gefühlen und einem schwungvollen Start in den Tag.

Die klassische Methode, wie von Lutz von Werder („Schreiben von Tag zu Tag“) und Julia Cameron („Der Weg des Künstlers“) beschrieben, habe ich mit der Zeit durch eigene Methoden ergänzt. Meine Teamkollegin Susanne Diehm hat den „klassischen Weg“ in ihrem Blog kürzlich so gut beschrieben, dass ich statt einer tieferen Erklärung darauf verweisen möchte: Für 365 Tage gut.

Ich selbst beginne den Tag mit einer 10minütigen Bewegungsmeditation ehe ich zum Stift greife. Nach dem Freewriting halte ich in ein bis zwei Sätzen komprimiert fest, was mich gerade umtreibt. Dazu wechsele ich die Stiftfarbe, denn das hilft bei Bedarf beim Wiederfinden – oder als Hilfestellung bei der Verfassung eines wöchentlichen „Check-In“ nach Julia Cameron (das hilft besonders, wenn man Entwicklungsprozesse verfolgen möchte). Davon abgesehen versetzen Farben mich auch immer in positive Stimmungen. Manchmal mündet mein Text in die Frage, was ich für den Tag brauche oder was ich mir in diesem Moment wünsche. Benötige ich Klarheit, gebe ich meinen Gefühlen eine oder mehrere Farben, manchmal sind es auch Bilder. Dann kritzele ich mit Pastell- oder Ölfarben in mein Schreibjournal oder nehme ich mir 10-15 Minuten Zeit für eine Collage – in beiden Fällen folge ich keiner Produktidee, sondern nur meinem Gefühl. Anschließend schreibe ich auch dazu ein paar Sätze. Wenn ich dann den Stift aus der Hand lege, steht fast immer eine Erkenntnis im Journal, die mir weiterhilft. Wenn Sie, liebe LeserInnen, jetzt zweifeln sollten: Ja, das geht in so kurzer Zeit! Wer jemals ein Freewriting ausprobiert hat, weiß, wie viel man in nur 7 Minuten zu Papier bringen kann.

Manchmal begleite ich mich auch mit dialogischen Formen: In den Morgenseiten kann ich z.B. mit meinem Inneren Team kommunizieren http://www.inneres-team.de, in Briefen zum Ausdruck bringen, was ich nicht zu sagen wage, Konfliktlösungsstrategien ausprobieren, Visionen entwickeln und täglich ihre Umsetzung verfolgen.

Kurz gesagt: Meine Morgenseiten sind für mich zum Instrument des Selbstcoachings geworden. Dabei profitiere ich eindeutig von der Vielfalt meiner schreib-, kunst- und kreativitätstherapeutischen Ausbildungen. Eine Voraussetzung sind die allerdings nicht. Jeder kann diese Technik für sich nutzen. Morgenseiten helfen, autonom zu handeln und der Authentizität zu vertrauen. Aber Vorsicht: die intensive Beschäftigung mit der eigenen Gefühlswelt und das Eintauchen in unbewusste Regionen des Selbst können zu intensiven Reaktionen führen, die nicht immer nur positiv sind. Deshalb ist es ratsam, das Schreiben zu unterbrechen, wenn sich die Stimmung deutlich verfinstert. Bei länger anhaltender Missstimmung ist es ratsam, sich für eine Weile von einem professionellen Schreibtherapeuten oder Schreibcouch unterstützen zu lassen. Grundsätzlich halte ich den schriftlichen Blick nach innen für eine großartige Methode, sich täglich etwas für die innere Balance zu gönnen.

Ein Kommentar

  1. Sehr vielseitig, wunderbar bunt.