Jutta Michaud

Blog

Impressionen vom Wiesergut: Design ist Sein…

…manchmal jedenfalls.

Vorab: Texte wie diese entstehen, wenn ich an einem besonderen Ort morgens die Augen aufschlage, zum Stift greife und einfach drauflos schreibe. Was Sie hier lesen, ist ein „Morgenseiten-Freewriting“, inspiriert durch eine ungewöhnlich konsequente Kombination von Materialien, die mich im wahrsten Sinne des Wortes berührt hat. Entstanden ist der Text im Designhotel Wiesergut in Saalbach-Hinterglemm, wo ich Ende Juli mit meiner Teampartnerin Susanne Diehm zu Gast war. In diesem aus dem 14.Jahrhundert stammenden Gutshaus der Familie Kröll haben wir einen echten Kraftort entdeckt, der optimal zu unseren Kreativ- und Entwicklungsangeboten passt. Josef und Martina Kröll, unsere Gastgeber, haben das Wiesergut mit viel Liebe fürs Detail zu einem Refugium umgestaltet, indem sich Zeit und Raum ganz intensiv erleben lassen.

DeckenbalkenHolzbalken – das Leben

Die Holzbalken über meinem Bett sind wie das Leben: unterschiedlich in Länge, Farbtonalität, Maserung und Struktur – und dennoch eine alles umfassende Einheit. Wie die Erfahrungen, die man im Laufe seines Lebens sammelt. Oder die Menschen, die uns auf unserem Weg begegnen.

Mein Blick fällt auf einen langen, dunklen Balken. Kräftige Rillen laufen von links nach rechts, hellen die Grundfarbe auf und haben hier und da Köpfe, die wie Pfeilspitzen wirken. Nein, eher wie Vogelköpfe. Pfauen könnten es sein oder mutige Greifvögel, die mit großen Augen zuversichtlich aus dem Dunkel schauen, wie die Hoffnung, die uns auch an dunklen Tagen nie verlassen sollte.
Ein kurzer Balken, im frühen Sonnenlicht beinahe orange, ist gemasert wie Wasser, in das ein Stein geworfen wurde. Er zieht seine Kreise. Oder ist es ein See, über dem die Sonne lacht? Aus den Kreisen entsteht ein Körper, der mit bewegten Armen im Wasser steht. Ein Glücksmoment. Ganz sicher ist ein unsichtbarer Kopf über dem Wasser der Sonne zugewandt. Das könnte ich selbst sein, ganz in meinem Element.

Auf den ersten Blick wirkt der nächste Balken fad und eintönig. Grau ist er. Doch auch er hat seine lichten Stellen, Kreise und Einkerbungen. Kindheitsmuster einer Behüteten oder eines Behüteten. Am Ende, wo er in einen ziemlich streng wirkenden Balken übergeht, wachen hell vier Augenpaare. Fast unmerklich von oval zu linear ist er gemasert zu Beginn seines zweiten Drittels. Zwei markante Punkte fallen mir auf. Ist es die Karriere eines Erfolgreichen? Eines, der das Ziel immer klar vor Augen hat? So funktioniert es selten, das Leben. Es könnten auch Einschüsse sein.
Ein wenig länger und in verschiedenen Farben schließt sich der nächste Dachbalken an: Orangebraun, schwarz, braun, gelb, weiß mit Nebeln, Mulden, Kerben. Aber auch die Morgenröte sendet einen Gruß. Der wirkt irgendwie ehrlicher, weil vielschichtiger als sein Vorgänger. Am Ende verschwindet er weißlich-puderig unter der Gardinenstange und sucht das himmlische Licht dahinter. Geht in ihm auf. Ganz sanft.

So könnte im Himmel über meinem Bett eine jede Balkenreihe eine Biografie erzählen. Vom Anbeginn dieses Ortes, dieses Gutshauses aus dem 14. Jahrhundert und seinen Bewohnern bis zum heutigen Morgen. Und hinter den hellen Vorhängen lacht das Sonnenlicht.

Die Wand – Entwicklungssprünge

WandRoher Stein verputzt. Schätze aus der Sandwüste, mit silbernen und goldenen Glitzerflimmern. Flimmerglitzer. Gold- und Silberstaub. Graues Felsgestein, gemasert mit feinweißen Fäden. Dreidimensionale Vorsprünge, Papierflieger in Bewegung, in Stein gemeißelt. Gegensätze lösen sich auf. Aus der Ferne wirken diese Steine wie ein endloser Zug von Urzeittieren: Säbelzahntiger, Mammuts, fliegende Fische, Przywalskipferde auf dem Weg zu einem imaginären Ziel. Über ihnen das Nichts der weißen Wand, das Ungewisse. Unter ihnen stabile Eichendielen mit der Tragkraft von Jahrtausenden. Himmel und Erde in verlässlichem Miteinander. Dazwischen – danach! – kommt erst der Mensch, der gestaltend einwirkt. Homo sapiens denkt am Schreibtisch.

SchreibtischFormt. Malt. Führt zusammen. Nützliches mit Schönem für die Seele. Bändigt das Feuer, lässt es lodern und knistern. Im Wiesergut hat man dem Feuer ein “ Haus aus Stahl“ geschenkt, das fließend wie ein elegantes Hochzeitsgewand wirkt, seiner Statik zum Trotz. Gekleidet wie eine Dame, die keinen weiteren Schmuck benötigt zur Aufwertung ihrer Robe, ist sich das Feuer selbst genug und definiert den Raum.

Foto 2Rings herum, an den riesigen Panoramafenstern, bauschen sich die Rockschöße der Vorhänge. Zofen in grobem Tuch. In ihrer natürlichen Eleganz stehen sie der Feuersbraut um nichts nach, auch wenn ihr Gewand die Farbe arbeitsamer Säcke hat, in denen Generationen von Bauern ihre Ernte schulterten. Vielleicht ist es gerade die arbeitsame Vergangenheit, die ihre Würde ausmacht, Wertschätzung verleiht, im Reigen der edlen Materialien.

Die Badewanne – Luxus und kleines Glück

BadewanneFrei steht sie im Raum, als eigenständige Akteurin, klar und selbstbewusst. Ihre Wölbung schmiegt sich perfekt um meine Schultern, mein Kopf ruht wie an der Spitze einer schützenden Schale. Wie ein längs aufgeschnittenes Ei umhüllt sie mich. So könnte sich ein Küken im Ei fühlen. Doch ich habe das Privileg, durch zwei verglaste Luken über mir in den Himmel schauen zu können.

Luke„Der Mond zieht vorbei, die Sterne ziehen vorbei, die Wolken ziehen vorbei – ist das eine schöne Mupfel“, schwärmte Pinguin Ping aus der „Augsburger Puppenkiste“, wenn er wieder einmal heimlich die Muschel von Waran Wawa besetzt hatte, damals, in der Lieblingssendung meiner Kindertage. „Urmel aus dem Eis“ – wieder ein Stück Frühgeschichte, dass ganz unvermittelt auf das zeitgeistige Design trifft. Doppelter „Frühgeschichtenbezug“: Urmel, ein Eiszeitwesen, beflügelte meine frühkindliche Fantasie.
Heute sind es Materialien mit Geschichte. Sie erinnern mich an Pinguin Ping, der uns Kinder schon damals lehrte, dass es die kleinen Dinge des Lebens sind, die wahres Glück bedeuten: Sonne, Mond, Sterne, Freundschaft und Verlässlichkeit.

Das Schwimmbad – verbunden mit der Natur

Foto 3Hier fühle und begreife ich die Bedeutung des Wortes „Naturverbundenheit“: Aufgelöst in meine Atome dümple ich im lauwarmen Wasser. Die Sonne bricht sich mit sprenkelnden Schattenspielen im metallernen Noppenboden, der meine Füße sanft massiert. Von drei Seiten quillt die Natur hinein ins Bad: Aus dem Graswall geradeaus erhebt sich die Talstation der Zwölferkogelbahn. Rechts neben mir gleiten die Gondeln geräuschlos am Panoramafenster vorbei, erheben sich über die terrassenförmige Hügellandschaft, auf der gefleckte Kühe weiden. Die Betonwand, die das Glas umschließt, ist gemasert wie helles Holz, kein Fremdkörper, eher ein diskreter Bodyguard, der über die Stille dieses Ortes wacht.

Liegestühle_ObstwieseAuf der gegenüberliegenden Seite wandert der Blick weit hinein in den Obstgarten mit üppig behangenen Bäumen und Sträuchern. Brombeeren, Himbeeren, Stachelbeeren. Pony und Esel stehen einträchtig beieinander. Alles ist eins. Ich fühle mich eins mit der Welt.

Sanfte Schwünge – die perfekte Welle

WandelgangWarum fällt mir das erst jetzt auf? Böden und Decken sind nicht begradigt, sondern verlaufen in sanften Schwüngen. Einmal aufmerksam geworden, bemerke ich überall Wellen. Es fällt mir wie Schuppen von den Augen: Hügel sind Wellen in fester Form“! Land und Wasser gehören zusammen. Wasser gab einst den Raum für das Land frei, Wasser ist der Ursprung. Darum lässt sich das Symbol der Welle auf so vielfältige Form an Land finden. Ist es ein Zufall, ausgerechnet an diesem Ort darüber nachzudenken?

HerzbrunnenDenken-Fühlen-Erleben-Einssein – die Krölls nennen es Glück und haben diese Aussage zu ihrem Slogan gemacht. Sudi und ich nennen es „Flow“. Aber im Grunde ist es Eins, wie Wellen und Hügel. Sudijumi

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